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Andrea Woeldike

 

Mit »deutscher Arbeit« zur
»Gesundung des Volkskörpers«
Eine kulturhistorische Auseinandersetzung der Entwicklung einer als spezifisch 'deutsch' verstandenen Arbeit

   
             
   



Holger Schatz und
Andrea Woeldike

Freiheit und
Wahn deutscher
Arbeit

Zur historischen
Aktualität einer
folgenreichen
antisemitischen
Projektion

Unrast Verlag
2001

 

Diesem Essay Anm. 1) liegt die These zugrunde, dass sich im historischen Kontext in weiten Teilen des Gebietes welches im 19. Jahrhundert als »großdeutsches Reich« angedacht war, sich ein Verständnis von Arbeit entwickelte, welches weniger ökonomische Kriterien zugrunde legte, als vielmehr kulturelle. Diese Vorstellung, ein Volk erziehe sich nicht nur selbst zur Arbeit, sondern eben zu einer ganz spezifischen 'deutschen Arbeit' war in Folge für die Konstituierung der deutschen Nation nicht unwesentlich, während sich z. B. der nationale Gründungsmythos in Frankreich, vornehmlich aus der Revolution Ende des 18. Jahrhunderts speiste. Wesentlich war dieser deutschen Arbeitsvorstellung, nicht nur den Einschluss derer zu fordern, die arbeiten sollten, sondern zugleich ein Gegenbild von jenen zu konstruieren, die angeblich generell zur Arbeit unfähig seien. Der Vorstellung einer deutschen ehrlichen Arbeit lag also nicht nur die Konstruktion eines gemeinsamen Kollektivs zugrunde, sondern ihr war gleichzeitig auch immer der Ausschluss jener inhärent, von denen behauptet wurde, sie seien zur Arbeit unfähig oder verhielten sich ihr gegenüber unwillig. Als solche wurden zumeist einerseits die so genannten Zigeuner, aber auch z. B. die Polen stigmatisiert und andererseits waren jene gemeint, denen so genannte jüdische Eigenschaften nachgesagt wurden, die also nicht zu arbeiten schienen, sondern einfach, ohne sich zu mühen, von der Geldwirtschaft bzw. dem Kapitalismus zu profitieren schienen, wobei sie ein egoistisches und materialistisches Geschäftsgebaren an den Tag legen würden, welches das Gegenteil von einer als 'deutsch' vorgestellten Arbeit sei. Doch auch in Österreich gab es – zumindest teilweise – solch ein Verständnis einer spezifischen 'deutschen Arbeit', so taucht z.B. die Parole: »Arbeit macht frei« schon in einer Wiener Publikation von 1872 auf. Anm. 2)

   
             
       

Der Wandel des Arbeitsbegriffes durch Luther

   
             
       

Die zunehmende Warenvergesellschaftung seit Ende des Spätmittelalters bedurfte einer ideologischen Grundlage, um die sich daraus ergebende Notwendigkeit eines ständigen Arbeitszwanges zu begründen. Anm. 3) Wenn bis dahin unmittelbar für den Gebrauch und für die unmittelbare Aneignung durch Herrschaft produziert wurde, so mussten nun die Güter zunehmend speziell für den Tausch hergestellt werden. Der Produzent, bisher als 'gütererzeugendes Subjekt' wahrgenommen, wurde zunehmend darauf reduziert, Waren für den anonymen Markt herzustellen und als 'wertbildender Faktor' gesetzt. Die zu dieser Zeit einsetzenden Reformationsbewegungen proklamierten dann jenen 'Geist von Arbeit', der notwendig ist für die Durchsetzung der allgemeinen Warenvergesellschaftung, der kapitalistischen Kultur also zugrunde liegt.
Anm. 4)

   
             
       

Bis zur Reformation wurde Arbeit als ständige Entsagung, Opfer und Mühsal erfahren. Nach dem Verständnis des frühen Christentums sollte dies auch so sein, denn zur Lobpreisung des Herrn und zur ständigen Erinnerung an den Sündenfall des Menschen im Paradies sollte Arbeit als Knechtschaft erlitten werden. Zugleich hatten hier jedoch auch noch Bettler und Vaganten ihren festen Platz in einer Ordnung, die unmittelbar von Gott verfügt erschien. Anm. 5) So sollten sich die Reichen durch Almosen ihren Platz im Himmel sichern. Martin Luther, als einer der Reformatoren, idealisierte dann als erster Arbeit systematisch zu einer notwendigen Verpflichtung, welche der Mensch mit Freude ausüben solle. Denn allein vermittels der Arbeit und weniger über das Gebet oder das Geben von Almosen, so Luthers Argumentation, könne der Mensch seine Daseinsberechtigung vor Gott begründen und zusätzlich seiner sittlichen Verpflichtung in der hiesigen Welt nachkommen. So gebrauchte er bei der Übersetzung der Bibel, die er als erster ins Deutsche übertrug, für das griechische Wort für Arbeit das Wort »Beruf«. Beruf war für ihn gleichbedeutend mit Berufung, Schickung und Fügung. Arbeit sollte demnach nicht länger als Last und Knechtschaft, sondern als göttliche Aufgabe und Bestimmung sowie als Pflichterfüllung an der Gemeinschaft verstanden werden. Dabei zeichne sich Arbeit vor allem durch Gehorsam gegenüber der Obrigkeit aus und sollte z. B. auch in der Treue zum Beruf ihren Ausdruck finden. Denn, so Luther, jeder werde von Gott bzw. vermittels der Obrigkeit an den für ihn bestimmten Platz gestellt, an dem er sein Leben lang verbleiben solle, sich dabei nicht nach Unerreichbarem im irdischen Leben sehnen solle, sondern im Gegenteil mit Freude seine Arbeit verrichten. Der sich selbst als »deutschen Patrioten« bezeichnende Luther hielt besonders den »deutschen Volkscharakter« für dieses Verständnis von Arbeit geeignet, da er sich durch Traditionsgebundenheit, Sittlichkeit, Gemütlichkeit, Einfalt, Natürlichkeit und durch die Freude an der Arbeit auszeichne. Allerdings sah er diese deutschen Besonderheiten bedroht durch den zunehmenden Einfluss der 'Welfen' (= Franzosen) und durch das »jüdische Schmarotzertum und deren Wucher«.
Anm. 6)

   
             
       

In Anknüpfung an die durchaus populären Vorstellungen dieser Zeit, bei der 'die Juden' den 'Wucher' zu verkörpern schienen, stellte Luther in seinem Spätwerk »Von den Juden und ihren Lügen« aus dem Jahr 1543 der 'deutschen ehrlichen Arbeit' die 'unproduktive und unehrliche Arbeit der Juden' gegenüber. Er beschuldigte die Juden nicht nur, Land und Städte auszuwuchern, sondern ging darüber hinaus: »Jawohl, sie halten uns Christen in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen sie dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserem erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, daß wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein [...], sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.«
Anm. 7)

   
             
       

Allerdings richtete sich Luthers Agitation nicht generell gegen die sich immer stärker entwickelnde Zins- und Kreditwirtschaft; so unterschied er zwischen dem deutschen Kreditgeber, der an die deutschen Tugenden wie Sparsamkeit und unermüdlichen Fleiß gebunden sei, und dem jüdischen Wucherer. Während sich Luther zufolge der fleißige Deutsche, also auch der Kreditgeber, »im Schweiße seines Angesichts« sein Brot verdiene, instrumentalisiere der Jude die Zeit und erschleiche sich so eine Macht, die Gott allein zustehe.
Anm. 8)

   
             
       

Gerade durch diese Systematisierung einer spezifisch als deutsch gedachten Arbeit und ihres Gegenbildes ist es nicht verwunderlich, dass im Nationalsozialismus positiv hervorgehoben wurde, Martin Luther habe »eine grundlegende Wandlung« des Arbeitsbegriffes als »gemeinsames Ganzes des deutschen Lebens« vollzogen: »Luther aber erweitert den Sinn und die Bestimmung der Arbeit zur typisch-nordischen Forderung an alle. Erst seit dieser nordischen Auffassung Luthers gibt es eine alle Menschen gleicher Prägung umschließende Lebensverpflichtung [....] Aber nicht nur der Lebensdienst der Arbeit als notwendige Verpflichtung vor dem Ganzen ist damit gemeint, sondern – im Gegensatz zur jüdisch-orientalischen Auffassung der Arbeit als Last – auch [...] die freudige Arbeitsleistung.«
Anm. 9)

   
             
       

So sei es die »große Tat« Martin Luthers gewesen, die »Wendung zur urdeutschen Lebensgestaltung« erkannt zu haben, »die die Arbeit als freudig zu lösende Aufgabe und zugleich gemeinsam Verpflichtendes, weil dem Gemeinsamen Dienendes« Anm. 10) begreift. Obgleich schon davor positive Ideen vom »Wesen der Arbeit« existiert hätten, wie z. B. im »reckenhaft-heroischen Nibelungenlied«, sei dort zwar in »echt germanischer Tragik« die Arbeit als »der schwere Kampf, des Austragens bis zum letzten Mann« besungen worden, doch werde dort noch die Arbeit besonders als Handarbeit beschrieben. Dagegen sei es »der Verdienst« des »Revolutionärs« Martin Luthers gewesen, die weltliche Arbeit zum »Beruf« zu erheben, mit all den »Pflichten gegenüber dem Ganzen«.
Anm. 11)

   
             
       

Erste Versuche, die Bevölkerung zu kontinuierlicher Arbeit zu erziehen

   
             
   

 

 

Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wurde in reformierten Städten versucht, durch eine konsequente Erziehung zur Arbeit die 'Verfleißigung' der Bevölkerung durchzusetzen. Wenngleich den Stadtoberen durchaus bewusst war, dass dies zuerst nur mit Zwang möglich sei, so hofften sie doch, mittels der Gewöhnung an eine dauernde Betätigung regelmäßige Arbeit allmählich derart selbstverständlich werden zu lassen, dass sie als das einzig richtige und sinnvolle erscheine. In logischer Konsequenz wurden dann auch zuerst in den reformierten Städten wie Amsterdam, Hamburg, Lübeck die katholischen Institute der Armenfürsorge säkularisiert und kurz darauf in Arbeits- und Zuchthäuser umgebaut. Der zentrale Satz, der sich immer wieder über den Eingangstoren beziehungsweise in den Zucht- und Arbeitshausordnungen finden ließ, lautete: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du durch Fleiß zur Sittlichkeit gelangen«. Anm. 12) Hatten bislang die Bettler die Möglichkeit, ihre Krankheiten durch die als göttlich empfundene Berührung des Königs heilen zu lassen, wenn sie zur Arbeit herangezogen werden sollten, wurden diese Krankheiten nun als 'pure Faulheit' öffentlich angeprangert. Strafe und Arbeit wie zum Beispiel das Raspeln des Holzes, – ironisierend San Ponum und San Raspino genannt – übernahmen im Folgenden die Aufgabe, Bettlern und Vaganten 'Krankheiten auszutreiben'. Der Arbeitsunwillige wurde beobachtet, entlarvt und an den für ihn bestimmten Platz gestellt. Eingewiesen wurden nicht nur Bettler, Vaganten und deren Kinder, sondern auch 'Jungfrauen' wie auch »ehefrauen die teils ihre haushaltung durch ein wildes ungezeumtes Leben gäntzlich verwahrloset« Anm. 13) lassen. Im Amsterdamer Frauenzuchthaus wurde z. B. zudem ein besonderes Gebäude angelegt zur Unterbringung »vornehmer Leute Kinder«. Anm. 14) Entlassen werden sollte der Delinquent erst dann, wenn er »verrichtet und gelernet seine Kost und Unterhalt ferner außerhalb des Hauses zu verdienen willen und ernstlich angelobet sein Leben zu bessern und sich hierfüro des Bettelns und Faulenzens ganz und gar zu enthalten.«
Anm. 15)

   
             
       

Mittels Disziplinierung wurde hier ein neues Verständnis von Arbeit, welches für die sich verändernden Produktionsbedingungen nötig war, eingeübt. Die äußere Regulierung sollte durch Selbstbeherrschung und -unterwerfung abgesichert und als »zweite Natur« (Horkheimer/ Adorno) verinnerlicht werden, es ging also um die Überwindung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse zugunsten der Unterordnung unter das Ideal der Eigendisziplinierung und der 'rastlosen Berufsarbeit'.

   
             
       

Doch in vielen deutschen Territorien galten manche Bevölkerungsgruppen von vornherein als »unerziehbar«, wie »Bettel-Juden« und »Zigeuner«. Sie lassen sich in diversen preußischen Verordnungen finden, in denen beispielsweise festgehalten wurde: »[...] was die Zigeuner anbetrifft [...] ingleichen die Bettel-Juden[...] und mit Nachdruck darüber gehalten werden [sie sollen] mit Sack und Pack aufgegriffen [und] in die nächsten Festungen geliefert werden.« Anm. 16) Gemeinden oder Wirtsleute, die diese passieren ließen bzw. sie verköstigten und nicht unverzüglich, sobald sie »etwas Verdächtiges« bemerken, dies den Behörden meldeten, hätten »ihre Strafe unnachbleiblich« zu erwarten.
Anm. 17)

   
             
       

Doch diese zwangsweise Erziehung zur regelmäßigen Arbeit wollte nicht immer gelingen; so wanderten Bettler und Vaganten, sofern es ihnen möglich war, in die noch nicht reformierten Gebiete aus. Und auch der Kurfürst von Brandenburg klagte immer wieder über die Schwierigkeiten, seine Verordnungen zu einer regelmäßigen Tätigkeit durchzusetzen. Er schaffte zwar durchaus Arbeitsmöglichkeiten, indem er einen Kanal bauen ließ, die Arbeiter verließen aber die Baustelle »wegen Beschwerlichkeit derselben und gingen nach Hause«. Anm. 18) Erst als er die Arbeiter an eisernen Ketten angeschlossen zurückbringen ließ, konnte er sie mit Gewalt zur Arbeit zwingen. Die Bereitschaft, sich über die unmittelbare Notwendigkeit der Nahrungssorge hinaus einem ständigen Arbeitszwang zu unterwerfen, musste nicht nur durchgesetzt, sondern auch erst als selbstverständlich verinnerlicht werden.

   
             
       

Puritanisches und Lutherisches Arbeitsideal

   
             
   

 

 

Sowohl dem Luthertum und dem sich daraus entwickelnden deutschen Pietismus wie auch dem Calvinismus und dessen Weiterentwicklung im Puritanismus liegt als zentrales Moment ein Arbeitsethos zugrunde. Dieses Ethos erfährt jedoch unterschiedliche Ausrichtungen. Luther forderte, sich in Demut und Einfalt zu üben, in einem traditionalistischen Sinne die Welt zu nehmen, wie sie sei, und deshalb Beruf als Fügung der göttlichen Ordnung zu verstehen, unter der Prämisse ständig tätig zu sein. In der Fortführung dieser Vorstellungen begriff der deutsche Pietismus dann den Beruf als Gottesdienst, durch welchen die egoistischen Interessen des einzelnen erfolgreich zu unterdrücken seien. Anm. 19) Wenn dies gelänge, könne Arbeit auch niemals widerwillig oder gar mit Verdruss getan werden. Von zentraler Bedeutung ist hier die Vorstellung einer Berufstreue, deren Idealbild in einem patriarchalen Arbeitgeber, zufriedenen Angestellten und Arbeitern besteht, die keinesfalls nach individuellem Erwerb trachten, sondern sich von ihrer Gemütlichkeit und Natürlichkeit leiten lassen.

   
             
       

Dagegen beruht der Calvinismus auf der Überzeugung, der Sinn des individuellen Schicksals sei nicht ergründbar, sondern hinge von der Gnadenwahl Gottes ab. Wer von Gott erwählt sei und wer nicht, zeige sich im diesseitigen Leben allein durch den Erfolg im Beruf. Somit wird Beruf als 'calling', als Bewährung, interpretiert und die rastlose Berufsarbeit im Gegensatz zur Demut eingefordert. Auch der daraus entstehende Puritanismus geht von einem Arbeitsbegriff aus, welcher mit den Vorstellungen von Ehre, Ehrlichkeit und Bindung an das Gesetz gefüllt wird. Ausgehend von der Gnadenwahl Gottes dürfe niemand sich auf einmal geschaffenem Reichtum ausruhen, da Gott jederzeit sein 'calling' zurückziehen könne. So muss auch der Besitzende weiterhin arbeiten, um zu wissen, ob er gerade Gottes Gnade oder Ungnade ausgeliefert ist. Die rationale Berufsarbeit dient der quantitativen und qualitativen Steigerung der Arbeitsleistung, während bloße Tätigkeit, also Arbeit um der Arbeit willen, welche nicht zweckgerichtet ist, keine Gnade vor Gottes Auge findet. Sowohl Spezialisierung im Beruf als auch eine Veränderung desselben sind anerkannte Möglichkeiten, um vorwärts zu kommen. Der Erfolg des Einzelnen definiert sich über seine Nützlichkeit und zugleich über seinen Verdienst.
Anm. 20)

   
             
       

Während also im lutherischen Protestantismus und im deutschen Pietismus allein die Arbeit um ihrer selbst willen aufgewertet wurde, wobei ständige körperliche Tätigkeit und weniger das Ergebnis der Arbeit in den Mittelpunkt der Betrachtung rückte, erfuhr dagegen im Calvinismus und Puritanismus nicht nur die Arbeit an sich eine Anerkennung, sondern desgleichen auch die abstrakte Geldwirtschaft. Der Erfolg des Einzelnen definierte sich über seine Nützlichkeit und orientierte sich auch am Verdienst, wodurch das Prinzip der Geldwirtschaft durchaus positiv bewertet wurde. Der geforderte asketische Sparzwang brachte außerdem eine rasche Kapitalakkumulation mit sich. Im Gegensatz zum lutherischen Protestantismus beharrte der Puritanismus eben gerade nicht auf einen bestimmten, vorgegebenen Ort der Vorsehung, sondern war offen gegenüber jeder Berufsarbeit, so lange diese nur zu Erfolg führte.

   
             
       

Das seit der Reformation neu propagierte Ideal der Eigendisziplinierung, und damit verbunden das der rastlosen Berufsarbeit sowie deren unterschiedliche ideologische Ausrichtung lassen sich plastisch am Beispiel eines der ersten Bücher für Kinder, das um 1700 entstand, illustrieren: Daniel Defoe schrieb seinen »Robinson Crusoe« zwar nicht speziell für Kinder, doch schon bald wurde sein 'erziehungspädagogischer Wert' erkannt und der Roman dementsprechend immer wieder umgearbeitet. Die puritanische Auffassung von Arbeit fand ihren Niederschlag in Robinsons Arbeit als Akt zur Aufrechterhaltung von Körper und Geist auf der Insel. Arbeit stellte für ihn keinen besonderen moralischen Wert dar, sondern wurde eher pragmatischen und ökonomisch nützlichen Gesichtspunkten untergeordnet. So war für Robinson von Bedeutung, dass er profitable Arbeitsergebnisse erzielte. Die Originalversion dieses Buches endet nicht mit der Heimkehr des Helden, in einem folgenden Band werden dessen spätere Erfolge als Handelsmann geschildert.
Anm. 21)

   
             
       

Ganz anders die Rezeption des Arbeitsbegriffes in der deutschen Übersetzung des Robinson Crusoe von Campe um 1720. Anm. 22) Hier ist das zentrale Motiv »Arbeitsamkeit und Mäßigung«. Arbeit wird als 'Vergnügen an sich' und als 'Trieb nach Tätigkeit' beschrieben, der unbefriedigt zu Langeweile führe. Im Gegensatz zur puritanischen Auffassung der Arbeit, die stark an den Ergebnissen gemessen wird, rezipiert der Philanthrop Campe Arbeit als Arbeitsamkeit, der die anderen propagierten Tugenden wie Beständigkeit, Ordnung, Sparsamkeit unter- beziehungsweise zugeordnet sind. In der englischen Version konnte Robinson Papier und Tinte vom Schiff retten und führt ein Tagebuch, dagegen tritt der Robinson von Campe nur einmal als Schreibender auf, indem er mühsam mit seiner Axt die Inschrift: »Arbeitsamkeit und Mäßigung« über seine Höhle ritzt. Hier stehen vor allem ununterbrochene praktische Tätigkeit wie Handarbeit und körperliche Ertüchtigung im Vordergrund, die dem Erhalt der Gesundheit und der Abhärtung gegenüber künftigen Entbehrungen dienen sollen. Mit Arbeitsunlust wie auch der Sehnsucht nach einer Bedürfnisvermehrung kann der Schiffbrüchige gar nichts verbinden. Die Kraft zum ständigen aktiven Handeln erwächst Robinson aus dem Vertrauen in die Beständigkeit und umfassende Ordnung dieser Welt. Er weiß, dass sich alles zum Besten wenden lässt, wenn er nur auf Gott vertraut. Am wirksamsten mit Hilfe der Erziehung durch und zur Arbeit, wie er es nicht nur an sich, sondern auch an dem 'edlen Wilden' Freytag vorexerziert.

   
             
       

Im Gegensatz zu den meisten englischen Kinderbuchausgaben wird in jener von Campe überarbeiteten Fassung weniger von den Abenteuern Robinsons berichtet, sondern das Gewicht vielmehr auf eine exakte Beschreibung der von Robinson verrichteten Arbeit gelegt, damit die Kinder nicht einfach nur müßig dasäßen und zuhörten, sondern die Tätigkeiten Robinson Crusoes selbst gleich einübten.

   
             
       

Unterschiedliche Entlohnungssysteme in deutschen und englischen Manufakturen und Fabriken

   
             
       

Während bürgerlichen Kindern im 18.und 19. Jahrhundert mittels pädagogisch aufbereiteten Kinderbüchern und philantropischen Schulversuchen das Arbeitsideal vermittelt wurde und Kindern von Bettlern und Vaganten, wie diesen selbst, die regelmäßige Tätigkeit in Arbeitshäusern antrainiert wurde, sahen sich auch die Handwerker in den deutschen Staaten zunehmend gezwungen, in Manufakturen zu arbeiten. In den Manufakturen, wie in den später entstehenden Fabriken, spiegelte sich die unterschiedliche Sichtweise von Arbeitsorganisation zwischen Britannien und Deutschland wieder. Dies soll an dieser Stelle anhand einiger Beispiele dargestellt werden.
Anm. 23)

   
             
       

So gab es beispielsweise bei der Zuteilung der Arbeiter an die Webstühle signifikante Unterschiede. In Britannien durften die Arbeiter die Verteilung häufig selber regeln und im Krankheitsfalle ohne Erlaubnis andere Personen an ihrem Webstuhl arbeiten lassen, für die sie rechtlich die Subunternehmer darstellten. Im Mittelpunkt der Verträge, die zwischen Manufakturbesitzer und Arbeiter abgeschlossen wurden, stand das zu produzierende Produkt, und weniger der konkrete Arbeiter selbst.

   
             
       

In den deutschen Staaten wurden die Arbeiter den Webstühlen zugeteilt und mussten für selbst organisierte Vertretungen die Erlaubnis der Arbeitgeber einholen. Darüber hinaus hielten Unternehmer in Deutschland teilweise Ersatzarbeitskräfte bereit: betriebsinterne 'Springer' für Krankheitsfälle. Auch verhängten Aufseher in Deutschland nicht nur, wie in Britannien, Bußgelder für verminderten Einsatz der Arbeitskapazität wie zum Beispiel für 'Aus-dem-Fenster-gucken', sondern auch für Missachtung ihrer Autorität, wenn ein Weber beispielsweise seine Mütze zum Gruß nicht abgenommen hatte.

   
             
       

Um bei der Stückpreisbezahlung nicht nur eine hohe Quantität, sondern auch eine adäquate Qualität der Ware zu erreichen, führten die Arbeitgeber in der Wollindustrie sowohl in Britannien als auch in Deutschland Bußgelder für defekte Produkte ein. In Britannien mussten Arbeiter jedoch nicht nur Bußgelder für Produkte bezahlen, deren Fehlerhaftigkeit noch in der Fabrik festgestellt worden war. Zusätzlich wurde meist rückwirkend ein Strafgeld für Waren fällig, die sich erst auf dem Markt aufgrund von Fehlern als nur billiger oder gar nicht verkaufbar erwiesen. War ein firmeninterner Produktinspektor nicht sicher, ob sich eine leicht fehlerhafte Ware ohne Verlust auf dem Markt verkaufen lassen würde, wurde der Lohn dafür bis zur Entscheidung auf dem Markt zurückgehalten. Der Markt galt so als 'Richter' über den Preis des Arbeitsproduktes. Dies führte dazu, dass sogar gelegentlich Arbeiter vorher bezahlte Bußgelder zurückerstattet bekamen, wenn die Ware sich auf dem Markt doch ohne Einbuße verkauft hatte.

   
             
       

In Deutschland wurden, wenn während des Herstellungsprozesses innerhalb des Betriebes keine Mängel entdeckt worden waren, auch dann keine Bußgelder verhängt, wenn diese dann später außerhalb des Betriebes festgestellt wurden. Der Markt hatte also keine direkte Relevanz für die Bußgeldverhängung. Darüber hinaus wurden die innerbetrieblich festgelegten Strafgelder in Deutschland meist an Wohlfahrtsorganisationen gespendet. Sie galten als Disziplinierungsmaßnahme und dienten nicht dem direkten Ausgleich für einen Verlust auf dem Markt. Während also englische Arbeiter eher in den 'Tausch' der Produkte, also die Zirkulationssphäre miteinbezogen waren, verstanden sich deutsche Arbeiter weniger als 'Marktsubjekte', ihre Entlohnung richtete sich allein nach ihrer jeweiligen konkreten Tätigkeit und danach, wie sie sich in die stark hierarchisch gegliederte Betriebsgemeinschaft einfügten.
Anm. 24)

   
             
       

Diese Phänomene sind allerdings auch vor dem Hintergrund der unterschiedlichen historischen Entwicklung des Kapitalismus in den beiden Ländern zu betrachten. In Britannien gab es einen fließenden, von etwa 1640 bis 1750 währenden Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus mit einer ungleichzeitigen Entwicklung der Liberalisierung des Güter- und Arbeitsmarktes. Erst nachdem ein freier Gütermarkt entstanden war, wurde Mitte des 18. Jahrhunderts auch der Arbeitsmarkt liberalisiert, der Preis der Arbeitskraft also nicht länger durch gesetzliche Vorgaben, sondern durch den Markt bestimmt. Dagegen ging beispielsweise in Preußen der formale Übergang vom Feudalismus zum freien kapitalistischen Markt geradezu abrupt vonstatten, ausgelöst durch die Hardenbergsche Reform von 1810/11, welche die Liberalisierung des Güter- und gleichzeitig des Arbeitsmarktes verordnete.

   
             
       

Die deutsche Romantik und ihr Arbeitsideal am Beispiel von Goethes »Wilhelm Meister«

   
             
       

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde innerhalb der deutschen Romantik in Abgrenzung zur französischen Revolution und der Aufklärung gefordert, dass im Gegensatz zur Rationalisierung und Nüchternheit der Aufklärung nun endlich wieder die Emotionen sprechen sollten. Denn nur durch den Glauben an den inneren Wert des Menschen und seiner edlen Menschlichkeit könne sich letztendlich die gesetzhafte, organische Ordnung der Welt bestätigen. Die Welt wurde als ein großer Sinnzusammenhang beschrieben, dessen Äußeres das Sinnbild des Inneren sei. Das Innere, die Seele, der Geist, sei jedoch das wahrhaft Bestimmende, dort vor allem, aber auch in der Natur, würde sich der göttliche Geist widerspiegeln. Ästhetik und religiöses Empfinden verbanden sich z. B. in der romantischen Poesie von Novalis oder Joseph von Eichendorff zum höchsten Gut.

   
             
       

Die 1794 erschienene Prosadichtung »Wilhelm Meisters Lehrjahre« und insbesondere der Roman »Wilhelm Meisters Wanderjahre« (1828) von Johann Wolfgang Goethe galten als klassische deutsche romantische Prosa. In »Wilhelm Meisters Lehrjahre« stellt der Protagonist Wilhelm sein bisheriges Leben zu Beginn des Romans radikal in Frage. Er widmet sich, wie auch schon des längeren von ihm erwartet, resigniert dem Geschäft seines Vaters. Eifrig wird er tätig, die Korrespondenz und Rechnungen zu erledigen. Aber eben nicht »mit dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten«, sondern nur mit dem 'stillen Fleiße der Pflicht' ohne 'inneres Selbstgefühl'. Anm. 25) Diesem als rational und materialistisch beschriebenem Verständnis von Arbeit wird ein innerliches ästhetisch-religiöses Arbeitsethos gegenübergestellt, das den Menschen wirklich zu sich selbst kommen lasse:

   
             
       

»Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunst oder irgendeine Lebensart ergriffe, müsste nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? [...] Dir könnte es also freilich einerlei sein, hinter einem Pult über liniierten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Ganze, das allein durch den Geist erfunden, begriffen und ausgeführt wird«.
Anm. 26)

   
             
       

Zunehmend verlagerten sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die literarischen Beschreibungen von ausschließlich inneren Werten des Einzelnen hin zu den inneren seelisch-geistigen Kräften des Gemeinschaftsgeistes eines 'schaffenden Volkes'. In diesem Sinne überarbeitete Goethe seinen 1807 begonnenen Roman »Wilhelm Meisters Wanderjahre«. So rückte er in der neuen Fassung von 1828 Themen wie die soziale Frage, die der Gemeinschaft und die der organischen Ordnung dieser Welt in den Vordergrund des Romans. Dabei wandte er sich gegen den 'zunehmenden Intellektualismus und Individualismus, sowie die Verstädterung', welche die praktische Tätigkeit, die Handarbeit verdrängen würden. Während die Protagonisten, »das Band« benannt, gemeinschaftlich eine durch Brand verwüstete Stadt wieder aufbauen, organisiert ihr Führer Leonardo »notgedrungen« die gemeinsame Auswanderung, da die Gemeinschaft des »Bandes« in Deutschland aufgrund der Modernisierungen keine Möglichkeit mehr sieht, ihre Ideale und Arbeitsvorstellungen zu leben. Während ein Teil der Protagonisten nicht länger daran glaubt, dass es ihnen möglich sein wird, als »Gemeinschaft« auszuwandern und individuell nach Amerika auswandern, schickt eine glückliche Fügung den ausharrenden Odoard, der schon seit einiger Zeit im Osten, den so genannten »Mittellanden«, einer Provinz vorsteht, die allerdings noch nicht »benutzt wird«, wie es »möglich wäre«. Vom Fürsten beauftragt, sucht Odoardo Siedler, um den bisherigen Bewohnern zu ermöglichen, »von außen zu empfangen was sie bedürfen«. Begeistert verpflichtet sich der zweite Teil der Gemeinschaft, Odoard als Führer anzuerkennen, ihm zu folgen und dort eine Gesellschaft »gegen die übrige bürgerliche Welt zu schaffen«, in der die gemeinschaftliche Tätigkeit im Vordergrund steht und die »dem Aufbau dient«. Das Handwerk wird in den Stand der »strengen Kunst« erhoben, welchem die Siedler ihr ganzes Leben widmen sollen, denn nur unter dieser Prämisse könnten die Vorteile der Kultur bewahrt bleiben.
Anm. 27)

   
             
       

Wie schnell dieses romantische Gedankengut auch in der Vorstellung von Arbeit allgemein seinen Niederschlag fand, lässt sich beim Stichwort »Arbeit« im »Brockhaus« von 1833 nachvollziehen. Obwohl diese Auflage der Romantik sehr distanziert gegenüberstand, sind Elemente der romantischen Verklärung von Arbeit in den Artikel mit eingeflossen, so die Betonung der inneren Werte, des verinnerlichten Geistigen und das Ideal des Gesamtwohls:

   
             
       

»Auf der höchsten Stufe erscheint die Arbeit nicht mehr als Anstrengung, sondern als Eingebung, als Anklang aus der Heimat des Geistes [...]. Keine Arbeit ist oder macht verächtlich; nur Derjenige, welcher gar nichts durch Arbeit irgend einer Art zu dem Wohle des Ganzen beiträgt, verdient Misbilligung. [...] Sowie die Arbeit um so größern innern Werth hat, je mehr das geistige darin vorherrscht, so steigt auch ihr subjektiver (moralischer) Werth. [...] In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Arbeit als regelmäßige ununterbrochene Beschäftigung für einen bestimmten dauernden Zweck des Lebens von einer blos vorübergehenden Anstrengung. [...] Es dauert sehr lange, bis ein noch auf der ersten Stufe der Kindheit stehendes Volk sich auf diese zweite, der Arbeitsamkeit erhebt. [...] Zwang richtet hier wenig aus und am kräftigsten wirken religiöse Aufklärung und Erziehung«.
Anm. 28)

   
             
       

Diese hier durchschimmernde romantische Vorstellung von Arbeit verändert sich allerdings zum Ende des Artikels. Die Ideale der Aufklärung rücken wieder in den Mittelpunkt, indem die individuelle Arbeit –die »Arbeit auf eigne Rechnung« – als »das höchste« bezeichnet wird. Auch die Forderung, der Staat könne sich aus Gründen der Arbeitsbeschaffung zwar kurzzeitig in die Arbeitsorganisation einmischen, doch grundsätzlich habe sich dieser von der Wirtschaftspolitik fern zu halten, steht noch unter dem Einfluss eines stark der Aufklärung verpflichteten Staatsverständnisses.

   
             
       

Nationalisierung der 'deutschen Arbeit'

   
             
       

Wurde vor der Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeit noch als die Berufung, Fügung und Schickung des einzelnen begriffen, die zwar mit Freude zu verrichten sei, aber eben doch von außen verfügt war, sei es durch den göttlichen Willen oder den absolutistischen Herrscher, wurde jetzt Arbeit zur staatsbürgerlichen Pflicht. Was die Lage in Deutschland von anderen Ländern unterschied, war vor allem die geringe Affinität, die der Begriff der Nation im Verhältnis zum Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung aufwies. So setzte sich allmählich auch über die deutsche Romantik hinaus die Überzeugung in Deutschland durch, das 'Schicksal des deutschen Volkes' entscheide sich in und durch die Arbeit. Während z. B. in Frankreich die Arbeitsleistung in den Dienst der politischen Ideale der französischen Revolution gestellt wurde, verselbstständigte sich in Deutschland die 'Ehre der Arbeit' um ihrer selbst willen. Anm. 29) In Ermangelung einer erfolgreichen bürgerlichen Revolution wurde das Nationale ausgehend von der gemeinsamen Lebens- und Arbeitserfahrung und ihren angeblichen Bedrohungen definiert. So wurde auch das 'heilige Recht auf Arbeit' von den Demokraten 1848 in der Paulskirche gefordert. Sie bezeichneten die Arbeit als 'das Höchste und Heiligste im Staate' und proklamierten ein deutsches Vaterland als 'Gesellschaft von Arbeitern'. Das Ideal 'deutsche Arbeit', nun definiert als 'nützliches Schaffen' zum Wohle des Volkes, fand seinen Niederschlag in der nationalen Identifizierung, die sich zunehmend nicht nur über gemeinsame Kultur und Sprache definierte, sondern vor allem über die gemeinsame Arbeit.
Anm. 30)

   
             
       

Dieser Idealisierung der 'deutschen Arbeit' kam im 19. Jahrhundert bei der Suche nach nationaler Identität große Bedeutung zu, wie sich auch anhand der Populärliteratur nachvollziehen lässt. Anm. 31) Die dabei idealisierte 'deutsche Arbeit' wurde zunehmend einer 'egoistischen und materialistischen Arbeitsauffassung' diametral gegenüber gestellt, wie z. B. bei Gustav Freytag in seinem Roman »Soll und Haben« von 1855, der bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts auf den Bestsellerlisten zu finden war. Die besondere Wirkung dieses Buches bestand darin, dass es nicht nur die Einstellung der Deutschen zu ihrer Arbeit widerspiegelte, sondern eben den angeblichen Gegensatz von 'deutscher Arbeit' versus der 'Nicht-Arbeit' durch die literarische Gestaltung forcierte. Der großartige Publikumserfolg machte es zu einem Multiplikator ersten Ranges.
Anm. 32)

   
             
       

Der erste Satz des Buches lautet: »Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit«, und dementsprechend ist das grundlegende Thema des Buches die 'deutsche Arbeit'. Dem deutschen Protagonisten Anton Wohlfahrt wird der Jude Veitel Itzig gegenübergestellt, welcher die 'jüdische Arbeit' bzw. eben 'Nichtarbeit' verkörpert. Während Anton sich durch einen grundanständigen, fleißigen, ehrlichen, tüchtigen und einen preußisch-protestantischen, eben typisch deutschen Charakter auszeichnet, ist der Charakter Veitel Itzigs betrügerisch, unehrlich, kriminell, verschlagen, egoistisch und von materialistischem Denken durchdrungen. Dabei ist festzuhalten, dass Gustav Freytag eben kein bekennender Antisemit war und sich z. B. von einem ethnisierenden Antisemitismus wie in Richard Wagners Schrift »Das Judentum in der Musik« nachhaltig distanzierte. Da im Mittelpunkt des Romans jedoch die Beschreibung des deutschen Volkes bei der Arbeit steht, werden die Charaktere der beiden Protagonisten letztendlich verallgemeinert und als genuin deutsch und genuin jüdisch dargestellt.

   
             
       

Der zweite Hauptstrang dieses Buches besteht in der Abgrenzung einer als spezifischen deutschen, bürgerlichen beschriebenen Arbeit gegenüber der als »unordentlich« und »schlampig«, von »verkommenen Adligen« und »aufständischen Arbeitern« vorgestellten »polnischen Arbeit«.

   
             
       

Seine wahre Bestimmung, seinen wahren Wert findet Anton Wohlfahrt, der Held, nur durch die eigene Arbeit, welche sich besonders durch »Tüchtigkeit, Pflichtbewusstsein, Fleiß und Ordentlichkeit« auszeichnet. Nicht müde wird der Held zu betonen: »Wir alle [...] sind Arbeiter aus einem Geschäft, das nicht uns gehört. Und jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in der deutschen Weise [...]. Keinem von uns fällt es ein zu denken, so und so viele Taler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die Firma so und soviel wert. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten hat, so ist es allen [...] ärgerlich, vielleicht mehr als dem Prinzipal«.
Anm. 33)

   
             
       

Während allerdings in »Soll und Haben« die Dichotomie von 'deutscher Arbeit' und der 'Nichtarbeit' noch personalisiert und individualisiert dargestellt wird, Anm. 34) versuchte der Kulturhistoriker und Soziologe Wilhelm Heinrich Riehl kurz darauf, einen grundsätzlichen Arbeitsbegriff für die Nation zu entwickeln, der eher kulturell als nationalökonomisch zu verstehen sei. Diesem liegt die Vorstellung einer allgemeinen, aber nur indirekten »Arbeits-Schule im großen Styl« zugrunde, um dem als materialistisch bezeichneten Profitdenken des modernen Wirtschaftslebens etwas entgegenzusetzen. Anm. 35) Dabei verband er eine kulturrestaurative Kritik an der industriellen Moderne mit einem antirevolutionären, antisozialistischen Gesellschaftsentwurf, welcher ebenfalls antisemitische Elemente in sich trug. Auch Gaunerei wird als »negative Arbeit« beschrieben und Zwangsarbeit als probates Erziehungsmittel gegen »Gauner und Spitzbuben« propagiert. Deutsche Arbeit wird in ihrer Gesamtheit als Bollwerk gegen den jüdisch-materialistischen Geschäftsgeist definiert, die »schaffende« der »raffenden, ehrlosen« Arbeit gegenübergestellt: »Die sittliche Kraft der Arbeit steht den Deutschen höher als Erfolg und Gewinn.«
Anm. 36)

   
             
       

Des Weiteren forderte er in seinem Standardwerk »Die deutsche Arbeit« von 1861, dass das deutsche Volk, das »sich selber zu einem immer reineren Ideale der Arbeit erzogen« habe, über das bisherige Arbeitsverständnis hinausgehen müsse. Von zentraler Bedeutung sei nicht mehr länger die individuelle Arbeit, sondern explizit die nationale Arbeit als Basis eines neuen politischen und kulturellen Bewusstseins zu akzeptieren: »So soll beim wahren Fortschreiten der Kultur zuletzt jeden Arbeiter das Bewußtsein begeistern, daß er nicht bloß für sich und die Seinen, sondern zugleich für die Nation arbeitet, daß er mitwirkt, die Grundlagen unseres lebendigsten Lebens, unserer Volkspersönlichkeit, eigenartig zu gestalten. Erst wenn dieser Gedanke nicht bloß dem schöpferischen Mann, sondern auch dem Handarbeiter zündend durch die Seele leuchtet und ihn vorwärts treibt, wird man sagen können, daß sich die wachsende Selbsterkenntnis der Nationen dann auch vollgültig und leibhaftig darstelle in der bewußten, persönlichen, nationalen Arbeit.«
Anm. 37)

   
             
       

Ganz in diesem Sinne schreibt der aus Hessen stammende, freireligiöse – deutschnationale Autor Lorenz Diefenbach 1872 eine Erzählung mit dem Titel »Arbeit macht frei«, welche –wie eingangs erwähnt – im Sommer 1872 von der Wiener Presse (der späteren »Reichswehr«) abgedruckt wird. Diese Geschichte in der ein Spieler und Urkundenfälscher auf den »rechten Weg« gebracht wird, endet mit den Worten: »Fassen Sie den festen Entschluß, wenn sie die Freiheit erlangen, ihrer Würdig zu werden, indem sie arbeiten. Damit ist alles gesagt; nur die Arbeit kann sie noch innerlich freimachen.«
Anm. 38)

   
             
       

Arbeiterbewegung und ihre Kritik an der Arbeit

   
             
       

Die nationale 'deutsche Arbeit' wurde aber nicht nur von bürgerlicher Seite hochstilisiert, auch die Sozialdemokratie versäumte es von Anfang an, diesem Arbeitsverständnis ein anderes oder kritischeres gegenüberzustellen. Als die lassalleanischen Sozialdemokraten sich mit den marxistischen Sozialisten 1875 in Gotha zur »Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands« zusammen schlossen, stellten sie ihrem Parteiprogramm den Satz voran: »Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur.«
Anm. 39)

   
             
       

Doch lässt sich ebenso schon in der ersten Ausgabe der Zeitschrift »Verbrüderung« von 1848 – herausgegeben von der gleichnamigen ersten deutschen Arbeiterbewegungsorganisation – lesen: »In der Gegenwart sind Gesetze gegen 'Bettler und Vagabunden'« ungerechtfertigt, wenn diese keine Arbeit fänden. In der Gesellschaft der Zukunft allerdings, am Ziel des Fortschritts, bekomme jeder Arbeit: »[...] an dem Tage [...] werden Gesetze gegen das Betteln und Vagabondiren gute und weise Gesetze sein.« Anm. 40) Und selbst August Bebel, der nach dem durch Bismarck erlassenen 'Sozialistengesetz' seine eigene frühere Staatsfixiertheit kritisierte, ebenso wie die Forderung eines 'gerechten Lohnes' an den Staat, erschien weiterhin die Arbeitspflicht als erhaltenswertes und zu förderndes Gut: »Sobald die Gesellschaft im Besitz aller Arbeitsmittel sich befindet, wird die Arbeitspflicht aller Arbeitsfähigen, ohne Unterschied des Geschlechts, Grundgesetz der sozialisierten Gesellschaft. [...] Die alberne Behauptung, die Sozialisten wollten die Arbeit abschaffen, ist ein Widersinn sondergleichen. Nichtarbeiter, Faulenzer gibt es nur in der bürgerlichen Welt.«
Anm. 41)

   
             
       

Den Großteil der organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen interessierte weniger eine Kritik an Form und Inhalt der Arbeit selbst, sondern sie stellten die Forderung an 'Vater Staat', ihre Tätigkeit als Beitrag zum nationalen Wohl anzuerkennen und zu würdigen. In diesem Sinne behauptete Ferdinand Lassalle während einer Debatte über seine Forderung an den preußischen Staat, er möge die Arbeiter bei der Errichtung ihrer Produktivassoziationen behilflich sein, gegenüber denjenigen, die kritisierten, Lassalle verlange unmögliches vom Staat: »Was wollen Sie? Der Staat ist Gott!« Anm. 42) Und in einem Brief von 1863 an Bismarck schrieb er diesem: »Wie wahr es ist, daß sich der Arbeiterstand instinktmäßig zur Diktatur geneigt fühlt, wenn er erst mit Recht davon überzeugt sein kann, daß dieselbe in seinem Interesse ausgeübt wird, und wie sehr er daher [...] geneigt sein würde, in der Krone den natürlichen Träger der sozialen Diktatur, im Gegensatz zu dem Egoismus der bürgerlichen Gesellschaft, zu sehen, wenn die Krone ihrerseits sich ihrerseits jemals zu dem [...] Schritt entschließen könnte, eine wahrhaft revolutionäre und nationale Richtung einzuschlagen«. Anm. 43) Schon kurz nach dem Fall des 'Sozialistengesetzes' 1890 hofften weite Teile der organisierten Arbeiterbewegung, dass es nun doch noch zu einem »sozialen Volkskaisertum« unter Wilhelm II kommen könnte, ebenso wie immer öfter die Rede vom »Arbeiterkaiser« war.
Anm. 44)

   
             
       

Vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein über das Gothaer Programm oder August Bebels Rede von der »Arbeitspflicht« bis hin zu zunehmend nationalistischen Vorstellungen einer Organisation der Arbeit zieht sich ein Arbeitsbegriff, der nicht nur Ordnung und besonders Disziplin als notwendig ansah, sondern auch die 'Arbeit um der Arbeit willen' und eine 'Veredlung des Arbeiters' einklagte. Während Themen wie Profit und Profitrate die Debatten z. B. der Arbeiterbewegung in den USA beschäftigten, waren in Deutschland eher Entfremdung und 'Geist der Arbeit', worunter auch die Freude an der Arbeit subsumiert wurde, von zentraler Bedeutung. In keinem anderen Land bestimmte das Thema der Freude an der Arbeit derart die Debatten wie in Deutschland, und diese Frage der 'Arbeitsfreude', welche sich zunehmend zur Frage der 'deutschen Arbeit' gewandelt hatte, wurde in weiten Teilen auch von der deutschen Arbeiterbewegung übernommen.
Anm. 45)

   
             
       

Der deutsche Organisationsstaat

   
             
       

Von links bis rechts lassen sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland vermehrt Auffassungen finden, die einen eigenständigen '3. Weg', den des 'nationalen Sozialismus', propagierten. Ein dezidierter Antiliberalismus bei gleichzeitiger Betonung einer eigenständigen, zwar marktwirtschaftlichen, aber eben im Gegensatz zu allen anderen Ländern und besonders zur 'jüdischen Ökonomie' stehenden und somit vorgeblich nicht kapitalistischen Entwicklung, war dabei die konstituierende ideologische Grundlage. Bei aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Richtungen lässt sich auch eine gemeinsame Kontinuitätslinie innerhalb der deutschen Volkswirtschaftstheorien des 19. und 20. Jahrhunderts erkennen: Ihr Hauptmerkmal bestand in einer organischen Staatsauffassung, bei der jenes Ideal der 'schöpferischen Arbeit' umgesetzt würde, welches das individuelle Einzelinteresse vollständig im nationalen Gesamtinteresse aufheben würde.
Anm. 46)

   
             
       

Der Politiker Friedrich Naumann, nach dem heute noch die FDP-nahe Stiftung benannt ist, propagierte als einer der Verfechter eines nationalen Sozialismus, die Notwendigkeit der kulturellen Durchdringung der Welt mittels des »deutschen Arbeitsverständnisses«. Anm. 47) Dessen Überlegenheit lasse sich allein dann schon beweisen, so Naumann, wenn er den Hamburger mit dem Londoner Hafen vergleiche. Ersterer sei ein »organisatorisch überlegenes Ganzes«, in zweitem spiegele sich eine »individualistische und unorganisierte Arbeitsauffassung« wider.
Anm. 48)
Um die Versöhnung der Arbeiterschaft mit dem Kaiserreich zu bewerkstelligen, gründete er 1896 den 'national-sozialen Verein' und forderte zwecks Schaffung einer deutschen Volksgemeinschaft die »Durchgeistigung der deutschen Arbeit«:

   
             
       

»Nach unserem eigenen Gefühl sind wir nun noch lange nicht am Ende der Organisiertheit angelangt [...], aber in den Augen der anderen sind wir schon weit von ihrer Lebensart abgekommen [...], weil wir besser als sie gelernt haben, unsere Arbeit nach gemeinsamem Plan und in gemeinsamem Rhythmus zu vollziehen. [...] der besondere deutsche Geist [...] zeigt sich mindestens ebenso sehr in unserem Landwirtschaftsbetriebe wie in unserem Gewerbe. [...] Diese Einschiebung des Einzel–Ichs in das Gesamt–Ich, das ist es, was wir können und womit wir größere Intensität der Bebauung, [...] stärkere Weltmarktqualitäten für den Handel erzielen. [...] Deutschland ist nicht nur auf dem Wege zum Industriestaat, sondern zum Organisationsstaat überhaupt«.
Anm. 49)

   
             
       

Während des ersten Weltkrieges wurde die gesamte Wirtschaft besonders in Deutschland – wesentlich stärker als in den anderen kriegführenden Staaten – in einem bis dahin unbekannten Umfang durch staatliche Eingriffe und Leitung getragen, um sie den Bedürfnissen dieser Materialschlacht dienstbar zu machen. Naumann begrüßte diese Tatsache mit den Worten: »Der Staatssozialismus hat über Nacht Riesenschritte vorwärts getan [...] die Regelung der Produktion ist auf dem Marsch. [...] Deutschland ist nicht nur auf dem Weg zum Industriestaat sondern zum Organisationsstaat überhaupt.«
Anm. 50)

   
             
       

Genauso war von denjenigen Sozialdemokraten, die bereits vor 1914 euphorisch feststellten, der Sozialismus sei im deutschen Kaiserreich in Bezug auf seine staatliche und sozialpolitische Entwicklung schon verwirklicht, immer häufiger der Begriff des »Kriegssozialismus« zu hören. Anm. 51) Diese »ordnende Gewalt des kriegsführenden Staates« Deutschland sei das Gegenteil des Kapitalismus, so z. B. der Sozialdemokrat Eugen Varga. Deutschland sei der Umsetzung des Sozialismus ein gutes Stück näher gekommen, denn: »Sozialistisch ist in der Kriegswirtschaft hauptsächlich jene Tätigkeit des Staates, welche die Allgemeinheit gegen die Profitwut der Kapitalisten beschützt.«
Anm. 52)

   
             
       

Radikalisierung und 'Heilsversprechen' der nationalen deutschen Arbeit

   
             
       

Während und nach dem ersten Weltkrieg erfuhr das deutsche Arbeitsverständnis eine weitere Radikalisierung. In Zeiten von Krieg und Krise erlebten viele Deutsche Arbeit und Technik als reale Verbündete innerhalb eines nationalen Sinnzusammenhanges im Kampf gegen das von Außen kommende Böse. Anm. 53) Wenngleich weder der Begriff der 'nationalen Arbeit' mit seinen klassenversöhnenden Bemühungen noch die zunehmende Glorifizierung des Arbeiters als spezifisch deutsch zu begreifen sind Anm. 54) , war schon davor Julian Schmidts einleitender Satz zu Gustav Freytags »Soll und Haben«, das »Deutschtum« sei »an seiner Arbeit erkennbar«, in das Selbstverständnis von deutscher Kultur und in den Nationsbegriff eingeflossen. Doch nun, nach dem 1. Weltkrieg, erfuhr dieser Satz eine politische Umformung: »Das Deutschtum war die deutsche Arbeit«. Anm. 55) So wurden quer durch alle Parteien weniger die Errungenschaften der Demokratie und des Parlamentarismus hervorgehoben, sondern vielmehr wurde immer wieder die Neugründung Deutschlands durch das gemeinsam schaffende Volk beschworen.

   
             
       

Mit Hilfe der 'deutschen Arbeit' sollte das 'Abstrakte, Oberflächliche' und die 'kalte Rationalität' der 'kapitalistischen Zivilisation' überwunden werden. Auch vermittels des Begriffes der 'Gemeinschaft' Anm. 56), die der 'kalten Gesellschaft' englisch-amerikanischer Prägung entgegengesetzt wurde, sollte die wesentliche 'Andersheit des Deutschseins' zum Ausdruck gebracht werden. Gesellschaft und Zivilisation, als das 'Entmenschlichte', 'das Fremde' wurden dichotom der Kultur und Gemeinschaft, wie der 'gemeinsamen lebendigen Arbeit' als dem 'eigentlich Lebendigen, Schöpferischen und Ursprünglichen' gegenübergestellt. Den Ruf nach einem neuen Sinn der Arbeit, welcher »aus dem einfachen, unverbildeten Empfinden des Volkes erwachsen« werde, erhoben selbst manche Sozialisten, so z. B. Karl Bröger. Anm. 57) Dabei begriff er Arbeit als 'Kraft zur Freude', die eine gewachsene Kultur in Abgrenzung zur unechten Zivilisation erschaffe. Allgemein wurde die Berufung auf die 'deutsche Arbeit' zur gemeinsamen nationalen Identifizierung. Mit ihrer Hilfe sollte die wesentliche 'Andersheit' des Deutschseins zum Ausdruck gebracht werden. Anm. 58) In der zunehmenden Naturalisierung des Arbeitsverständnisses tauchten immer häufiger die Metaphern 'gesund, kraftvoll, produktiv' für den deutschen Arbeiter und 'pathologisch, schwächlich' und 'zersetzend' für den 'Nicht-Arbeitenden' auf. Der jüdische 'Nichtarbeitende' wurde zusätzlich noch als 'blutleer', 'entwurzelt', 'rationalistisch' und 'schwankend' beschrieben.
Anm. 59)

   
             
       

Wiederum in Österreich tauchte in jener Zeit zum zweiten Mal die Parole »Arbeit macht frei« auf, wiederum im deutschnationalen Umfeld und zwar auf der Beitragsmarke des »Deutschen Schulvereins« Wien von 1922 und 1924. Diesmal allerdings fand die Parole schnell eine weite Verbreitung, u.a. über die völkischen deutschnationalen »Schutzverbände« wie eben den deutschen Schulverein, dem auch Georg Ritter von Schönerer angehörte, oder dem Deutschen Turnerbund.
Anm. 60)

   
             
       

Generell gab es das weit verbreitete Bestreben, den deutschen Staat jenseits von Kapitalismus und Parlamentarismus zu legitimieren und ihn als einen 'Staat des deutschen schaffenden Volkes' neu zu definieren. So hoffte Ernst Jünger, der durch seine Erlebnisse im 1. Weltkrieg geprägt war, vermittels des Krieges endlich den 'femininen, dekadenten' Charakter der bourgeoisen Zivilisation zu überwinden, und war während der Weimarer Republik von der Notwendigkeit überzeugt, dass Liberalismus und Demokratie mit Nachdruck zu bekämpfen seien. So fühlte er sich in dieser Zeit zwar sowohl von der kommunistischen Partei wie auch von der NSDAP angesprochen, doch letztendlich verortete er sich selbst im 'Niemandsland' zwischen Konservativer Revolution, Nationalbolschewisten, Kommunisten, utopischen Sozialisten und Nationalsozialismus. Zugleich war er von Georges Sorel und dessen antimaterialistischer und antirationaler Marxismusrevision beeinflusst, ebenso vom revolutionären Syndikalismus, der 'Mythos und Gewalt' propagierte, und von Marinettis 1909 verfasstem »Futuristischen Manifest«.
Anm. 61)

   
             
       

Eng an der faschistischen Ideologie orientiert beschrieb er den »Arbeitersoldaten als Machtträger« der »neuen Zeit«. Das zentrale Thema seines Buches »Der Arbeiter«
Anm. 62)
von 1932 ist die Diskreditierung des Bürgertums, des Liberalismus, des Individuums und die notwendige Zerstörung des proletarischen Klassenbewusstseins, denn künftig solle es nur noch Arbeiter, arbeitende Volksgenossen und die schaffende Nation geben. Arbeit sei nicht länger als Tätigkeit zu begreifen, sondern als Ausdruck eines besonderen Seins, welches dem Feuer gleiche, so Jünger: alles Brennbare verzehrend und verwandelnd. Die Ablösung des »bürgerlichen Typs« durch den Arbeiter sei zeitgleich mit dem Übergang der liberalen Demokratie zum Arbeiterstaat zu vollziehen. Abgeschafft werden müssten notwendigerweise die ohnehin dem Untergang geweihten Werte und politischen Organe - bürgerlicher Freiheitsbegriff, Parlament, liberale Presse und freie Wirtschaft. Während Individualität im 19. Jahrhundert das zentrale gesellschaftliche Kriterium gewesen sei, werde nun die Ordnung der Gesellschaft im 20. Jahrhundert durch den 'disziplinierten und effizienten Arbeitscharakter' repräsentiert. Bald, so hoffte er, werde »die neue Ordnung« entstehen und »jene Rasse zur Herrschaft« Anm. 63) gelangen, die nicht von Verstand, Fortschritt und Bequemlichkeit geleitet werde, sondern welche die heroischen Züge des Arbeiters enthülle.

   
             
       

Obgleich sich in Jüngers Buch »Der Arbeiter« bereits der Erlösungsgedanke des neuen Menschen im Prinzip der Arbeit manifestiert und u. a. die Arbeitsdienstpflicht eingefordert wird, damit sich 'niemand der Arbeit als Macht entziehen' könne, und der Begriff der Arbeit völlig ahistorische und naturalisierende Verwendung findet, verbleibt es auf einer ästhetisierenden Ebene. So ist zwar vom 'Geist der Arbeit' die Rede, eindeutig biologisierende Zuschreibungen sind allerdings nicht zu finden.
Anm. 64)

   
             
       

Martin Heidegger (auch wenn seine Philosophie im Nationalsozialismus als zu kompliziert und zu wenig eindeutig galt, da er statt von 'Rasse' und 'Vernichtung' von 'Volk', 'Staat', 'Geist' und 'Tod' sprach, und er sich selbst nach der 'Nacht der langen Messer', dem sog. Röhm-Putsch, enttäuscht vom nationalsozialistischen Staat distanzierte) konkretisierte den von Jünger entwickelten Begriff von Arbeit und kann als einer der Protagonisten des 'Arbeitssystems', wie es dann letztendlich im NS umgesetzt wurde, gelten. Anm. 65) So forderte er seine Studenten bereits 1933 auf, die Isolation in der Universität mit der einfacheren, härteren und gefährlicheren Realität des Arbeitsdienstes zu tauschen. Dieses Arbeitsverständnis begründete er damit, dass die Deutschen eine gewachsene Einheit und ein Volk der Arbeit seien. Die gemeinsame Arbeit hat, nach Heidegger, einerseits die Funktion, den deutschen Volkskörper gesunden zu lassen, und andererseits, den deutschen Arbeitenden in die Totalität der Gemeinschaft zu integrieren. Zugleich versteht er sie als Mittel, welches künftig verhüten soll, dass das Individuum dem Kollektiv entfliehen kann. Ziel, Sinn und Aufgabe des Deutschen sei es, stark zu werden für eine Existenz, die nur innerhalb der deutschen Gemeinschaft wertvoll sein könne.

   
             
       

Die Attacke von Heidegger und Jünger gegen die Freiheit und die Individualität schließt damit den Kreis eines deutschen Denkens, dessen Ablehnung von allem, was als 'Nicht-Arbeit' identifiziert wurde, konstituierend war für das nationale Selbstverständnis. Wenn Adolf Hitler also 1920 im Hofbräuhaus verkündete: »Ariertum bedeutet sittliche Auffassung der Arbeit und dadurch das was wir heute so oft im Munde führen: Sozialismus, Gemeinsinn, Gemeinnutz vor Eigennutz – Judentum bedeutet egoistische Auffassung der Arbeit und dadurch Mammonismus und Materialismus, das konträre Gegenteil des Sozialismus« Anm. 66) , so formulierte er nur jene Überzeugung, die in der Weimarer Republik bereits in ihrem weit verbreiteten völkischen Schimpfen am Biertisch die Verzerrung von ziviler Freiheit darstellte und trotzdem noch Gegenstand subjektiver Entscheidung war. Die systematische Aussonderung und Vernichtung all jener, die als 'Nicht-Arbeitende' imaginiert wurden, bedurfte allerdings der praktischen Umsetzung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.

   
             
       

Denn wenngleich sich viele der Regierungsmitglieder des Austrofaschismus aus völkischen, antisemitischen Heimwehren entstammten, betrieb ein von Antisemiten getragenes Regime kaum antisemitische Politik. Anm. 67) Dennoch das ideologische Selbstverständnis in Bezug auf Demokratie, Parlamentarismus und Individualismus unterschied sich kaum, auch wenn der Austrofaschismus von sich selbst behauptete er sei der Gegenentwurf zum Nationalsozialismus. Folgendermaßen faßte Dollfuß im September 1933 in einer programmatischen Rede die Ausrichtung der »Vaterländischen Front« zusammen: »Die Zeit des kapitalistischen Systems, die Zeit kapitalistisch-materialistischer Wirtschaftsordnung ist vorüber, die Zeit marxistischer, materialistischer Volksverführung ist gewesen! Die Zeit der Parteienherrschaft ist vorbei! Wir […] wollen den sozialen christlichen deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker autoritärer Führung.« Anm. 68) Ebenso wie der »Vaterländischen Front« ein Arbeitideal vorschwebte, welches »wirklich ein innerlich geschlossenes Ganzes« darstelle. Als dann der Anschluß Österreichs an die nationalsozialistische Volksgemeinschaft erfolgte, begann schon in der Nacht vor dem »Einmarsch« der antisemitische Terror und im Sommer 1938 gab es eine Verhaftungswelle sogenannter 'Arbeitsscheuer', die vor allem auf die Initiative österreichischer Politiker zurückging und keineswegs vom »Altreich« gefordert worden war.

   
       

 

   
       

 

   
       

Anmerkungen

   
       

 

   
       

Anmerkung 1) Der vorliegende Text ist eine überarbeitete Version des Essays: Die »Gesundung des Volkskörpers durch Arbeit« in D. Sedlaczek u.a.: »Minderwertig« und »Asozial«. Zürich. 2005. Ausführlicher zu den Implikationen einer spezifisch als deutsch gedachten Arbeit und deren antisemitischen Projektionen Schatz/ Woeldike 2001. Dort finden sich auch weitergehende Literaturverweise, die den Rahmen dieses Aufsatzes gesprengt hätten.
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Anmerkung 2) Leider habe ich bisher noch keine Publikationen gefunden, die sich mit diesem Thema in Bezug auf Österreich näher auseinandersetzen, so muß ich mich auf einige wenige Querverweise beschränken, die ich bislang ausfindig machte.
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Anmerkung 3) Vgl. z. B. Horkheimer/ Adorno 1971.
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Anmerkung 4) Vgl. Weber 1993.
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Anmerkung 5) Vgl. z. B. Dreßen 1982, 11-42.
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Anmerkung 6) Luther 1936, 191; ausführlicher zu einer als 'deutsch' gedachten Arbeit bei Luther: Schatz/ Woeldike 2001, 17ff.
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Anmerkung 7) Luther 1936, 187.
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Anmerkung 8) Vgl. Wenninger 1981.
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Anmerkung 9) Kindermann 1942, 13f.
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Anmerkung 10) Kindermann 1942, 13f.
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Anmerkung 11) Kindermann 1942, 10ff.
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Anmerkung 12) Zitiert nach Dreßen 1982, 20.
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Anmerkung 13) Zitiert nach Traphagen 1935, 77.
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Anmerkung 14) Traphagen 1935, 74.
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Anmerkung 15) Zitiert nach Streng 1890, 181.
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Anmerkung 16) Zitiert nach Krüger 1958, 606.
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Anmerkung 17) Zitiert nach Krüger 1958, 606.
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Anmerkung 18) Büsch/ Neugebauer 1981, 312.
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Anmerkung 19) Ausführlicher Schatz/ Woeldike 2001.
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Anmerkung 20) Vgl. z. B. Weber 1993.
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Anmerkung 21) Vgl. Milchert-Wylezich 1991; Dahl 1991.
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Anmerkung 22) Vgl. Koller 1991.
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Anmerkung 23) Vgl. hierzu Biernacki 1995. Richard Biernacki untersucht in seiner detaillierten Studie die Unterschiede des Fabrikwesens zwischen Britannien und Deutschland von 1640-1914 anhand der verschiedenen Methoden von Entlohnung, Disziplinartechniken und der unterschiedlichen Herausbildung von Arbeitsrecht. Unterschiedliche Konzeptionen von Arbeit als Resultat jeweils verschiedener sozio-kultureller Bedingungen drücken sich für Biernacki auch in einer unterschiedlichen Wahrnehmung der Arbeit aus. Als Forschungsgegenstand hat Biernacki britische und deutsche Wollverarbeitungsanlagen gewählt, da die wirtschaftlichen und technischen Unterschiede in dieser Branche zu Beginn der Industrialisierung in beiden Ländern gering waren. Trotz vergleichbarer Ausgangslage stellt Biernacki bei den Wollwebereien in Britannien und Deutschland entscheidende Unterschiede fest, die das Konzept von »Arbeit als Ware« betreffen. Anhand vielfältiger Beispiele arbeitet er als wesentliche nationale Differenz heraus, dass in Britannien das Produkt, in dem sich die Arbeit materialisiert hat, im Mittelpunkt stand, in Deutschland demgegenüber die Arbeitstätigkeit sowie der Herstellungsprozess.
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Anmerkung 24) Zur Interpretation der Studie Richard Biernackis siehe Nagel 2000, 10-13.
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