Um gleich zu Beginn zwei mögliche Missverständnisse auszuräumen:
»Die« moralische Ökonomie existiert für mich genauso
wenig, wie »die« Unterschicht und über Armut kann man
schon lange nicht mehr schreiben, ohne die Instrumentalisierung dieses
Themas selbst zum Thema zu machen.
Gerade die Debatte in Deutschland über die »neue Unterschicht«
zeigt, dass durch die Haltung, mit kulturalistischen Traditionen auf Armut
und Ausgrenzung zu schauen, ganz bestimmte Strategien verfolgt werden.
Es wird eine »neue Unterschicht« konstruiert, die im Gegensatz
zur »Mehrheitsgesellschaft« lebt:
diese »neue Unterschicht« habe sich eigene Lebensweisen,
Wertvorstellungen und Codes geschaffen, sei unproduktiv, räume den
Sozialstaat aus und pfeife auf die sonst üblichen Anpassungs- und
Unterwerfungsrituale. »Kulturelle Spaltung« lautet der Vorwurf,
gleichzeitig wird die soziale Ungleichheit als notwendige und zu akzeptierende
Konsequenz moderner Gesellschaften behauptet. Die Botschaft lautet also:
Ihr, die Ausgeschlossenen und »Überflüssigen«,
ergebt euch eurer Bestimmung und akzeptiert die Spielregeln eines Systems
(Mittelstandsethik), das euch zu dem gemacht hat, was ihr seid!
Mit Verlaub, aber das drückt blanke Verachtung aus … |