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Abhauen als Leistung

     
       

 

   
   

Leseprobe

 

Wer von zu Hause flüchtet,
hat mehr als einen guten Grund

Warum Jugendliche wohnungslos werden

   
             
   

DOWAS Jahresbericht Cover

 

Abhauen als Leistung anerkennen

»Der Schritt, das Elternhaus zu verlassen, ist zunächst ein Akt der Befreiung aus destruktiven Strukturen. Häufig ist die Flucht ein Signal, ein aktiver Problemlösungsversuch, teilweise (insbesondere bei sexuellem Missbrauch oder körperlicher Gewalt) eine konkrete Überlebensstrategie« Wenn Jugendliche von zu Hause weglaufen, weist das immer auf konflikthafte bzw. gewalttätige Beziehungen des Jugendlichen in seiner nahen Umwelt hin. Das Ausbrechen aus alltäglichen Sozialisationsbeziehungen muss auch als Konfliktlösungsstrategie verstanden werden.

Abhauen als Problemlösungsversuch, als Überlebensstrategie, als Teil eines Emanzipationsprozesses, als Widerstand und Auflehnung gegen erlebte Gewalt, als Konfliktlösungsstrategie – so lauten die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir aus unserer 10-jährigen Erfahrung nur bestätigen können. Die Sichtweise, dass Abhauen eine Flucht aus gewalttätigen Verhältnissen bedeutet und damit einen ersten wichtigen Schritt zur Veränderung und Verbesserung der eigenen Lebenssituation darstellt, ist allerdings auch heute noch nicht selbstverständlich.

Erklärungsmodelle, die das Fortlaufen lediglich auf abweichende und defizitäre psychische Haltungen der Jugendlichen zurückführten (»verwahrloste« Jugendliche) oder mit Persönlichkeits- und Charaktermangel begründeten (»gemeinschaftsschädigendes Verhalten«), sind zwar in den Hintergrund geraten, ganz verschwunden sind solche negativen Etikettierungen jedoch nicht. Es bedarf nur ein paar wohnungsloser Jugendlicher, die sich am Bahnhof Innsbruck aufhalten, und Law-and-Order-Kampagnen – begleitet von Forderungen nach Arbeitslagern, polizeilichen Maßnahmen zur »Gefahrenabwehr« oder der Wiedereinführung von »geschlossenen Unterbringungen« – finden mediale Verbreitung und entsprechende Zustimmung in der Bevölkerung. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht gefährdete Jugendliche, ihre Problemlagen und die Hintergründe ihrer Wohnungslosigkeit. Stattdessen werden sie zu einer »Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit« erklärt, die es mit polizeilichen Maßnahmen (Strafen und Vertreiben) zu beseitigen gilt.

Dass Pubertätskonflikte wie Streitereien um Ausgangsregeln und Taschengeld oder schlichte Abenteuerlust dazu führen würden, dass Jugendliche die Straße oder eine Jugendwohlfahrtseinrichtung dem Elternhaus vorziehen – diese und ähnliche Mythen zu wohnungslosen Jugendlichen halten sich hartnäckig. Solche Zuschreibungen, die familiäre Problemlagen leugnen und ignorieren, sind durchaus funktional. Dienen sie doch dazu, notwendige Hilfe zu verweigern. Beispielsweise dann, wenn das Sozialamt Innsbruck wohnungslosen Jugendlichen finanzielle Unterstützung mit der Begründung verweigert, sie seien ja selber schuld an ihrer Notlage, wenn sie von zu Hause weggingen. Oder auch dann, wenn ab und an die Finanzierung einer »Fremdunterbringung« mit der Begründung abgelehnt wird, der/die Jugendliche könne ja wieder zurück nach Hause.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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