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Kleines Bestiarium des Familienlebens

   
             
   

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Familia Über den lateinischen Begriff Familia kann man lesen: »Familia und Pater waren keine Verwandtschafts-, sondern Herrschaftsbezeichnungen.«Familia Über den lateinischen Begriff Familia kann man lesen: »Familia und Pater waren keine Verwandtschafts-, sondern Herrschaftsbezeichnungen.«

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Erschrecken Kinder zu erschrecken, haben sich Erwachsene im Verlauf der Geschichte bis in die jüngste Zeit einer Unzahl von gespensterähnlichen Figuren bedient.
Das Altertum hatte seine Lamia und Striga, die, wie ihr hebräisches Vorbild Lilith, die Kinder mit Haut und Haaren fraßen und die wie Mormo, Canida, Poine, Sybaris, Acco, Empusa, Gorgo und Ephialtes »zum Wohle der Kinder erfunden worden waren, um sie weniger wild und unregierbar zu machen« – wie es bei Chrysostomos heißt.
Im Mittelalter standen Hexen und Teufel im Vordergrund, wobei gelegentlich noch ein Jude hinzukam, der Kindern die Kehle durchschnitt, sowie Scharen von anderen Ungeheuern und Gespenstern, »mit denen die Ammen sie gerne zu erschrecken pflegten« (Maffio Vegio, De Educatione Liberorum).
Nach der Reformation wurde Gott selbst, »der dich über den Abgrund der Hölle hält, wie man eine Spinne oder irgendein anderes widerliches Insekt über das Feuer hält« (Carl Holliday), zum schwarzen Mann, mit dem man die Kinder erschreckte.
Als die Religion ihre zentrale Rolle für den Schreckensfeldzug gegen die Kinder verlor, wurden vertrautere Gestalten benutzt: Der Werwolf wird dich verschlingen; Blaubart wird dich in Stücke hacken; Boney (Bonaparte) wird dich auffressen; der schwarze Mann oder der Schornsteinfeger wird dich nachts holen (Marc Soriano).

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Puppen Das Bedürfnis nach der Personifizierung strafender Figuren war so übermächtig, dass, dem Prinzip der Konkretisierung folgend, Erwachsene tatsächlich Puppen herstellten, um Kinder damit zu erschrecken. Ein englischer Schriftsteller beschrieb 1748, wie Kindermädchen bei ihren Schützlingen Furcht und Schrecken erzeugten, indem sie ihnen Geschichten von Schreckgespenstern und Knochenmännern erzählten: »Das Kindermädchen nimmt sich vor, das zänkische Kind zur Ruhe zu bringen. Zu diesem Zweck stellt es eine ziemlich ungeschlachte Puppe her, läßt sie hereinkommen und schreit und brüllt in den barbarischten, unangenehmsten Tönen auf das Kind ein, daß es in den Ohren weh tut; gleichzeitig läßt es die Puppe auf das Kind zugehen und so gestikulieren, als ob sie das Kind verschlingen wollte.« (1748)
Eine amerikanische Mutter berichtete 1882 vom Kindermädchen der zweijährigen Tochter eines Freundes, das sich am Abend, während die Eltern ausgegangen waren, mit dem übrigen Dienstpersonal vergnügen wollte, und, um nicht gestört zu werden, dem kleinen Mädchen erzählte, dass »ein schrecklicher schwarzer Mann … in dem Zimmer versteckt sei und sie sofort ergreifen werde, wenn sie ihr Bett verlassen oder auch nur das leiseste Geräusch machen würde … um sicherzustellen, daß sie während ihres abendlichen Vergnügens nicht gestört würde. Sie machte eine riesige Puppe, die einen schwarzen Mann darstellte, und plazierte sie an das Fußende des Bettes, in dem das kleine unschuldige Kind lag und fast eingeschlafen war. Als der Abend in der Gesindestube zu Ende war, ging das Kindermädchen zu seinem Schützling zurück. Als es leise die Tür öffnete, sah es das kleine Mädchen aufrecht im Bett sitzen und zu Tode erschrocken auf das furchtbare Ungeheuer vor sich starren, beide Hände in sein blondes Haar gekrampft. Es war tot!« (Rhoda E. White, From Infancy to Womanhood: A Book of Instruction for Young Mothers, London 1882)
Es gibt Hinweise darauf, dass dieser Brauch, Kinder durch maskierte Figuren zu erschrecken, bis in die Antike zurückgeht. Das Erschrecken von Kindern durch Masken ist ein beliebtes Thema bei Künstlern, von der römischen Freskenmalerei bis hin zu den Stichen von Jacques Stella (1657).

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Mord Die Geschichte des Kindesmordes muss im Westen erst noch geschrieben werden. Bereits bekannt ist, dass die Ermordung sowohl legitimer als auch illegitimer Kinder im Altertum eine verbreitete Praxis war, dass die Tötung legitimer Kinder im Mittelalter nur langsam verschwand, dass die Tötung illegitimer Kinder bis ins 19. Jahrhundert hinein für normal gehalten wurde.
Kinder wurden in Flüsse geworfen, in Misthaufen und Jauchegräben geschleudert, in Gefäßen »eingemacht«, um sie darin verhungern zu lassen, auf Bergen und an Wegrändern ausgesetzt als »Beute für Vögel, Futter für wilde Tiere, die sie zerreißen würden« (Euripides, Ion).
Mädchen zählten wenig, und die Anweisungen, die Hilarion seiner Frau Alis (1. Jh. v. Chr.) gab, sind typisch dafür, wie offen diese Dinge diskutiert wurden: »Wenn du, was ja gut möglich ist, ein Kind gebären solltest, und es ist ein Junge, so laß es am Leben; wenn es aber ein Mädchen ist, so setze es aus.«
Aus dem frühen Mittelalter gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass sich die Faktoren der Selektion, der Bevorzugung oder Vernachlässigung, wo immer sie wirksam wurden, stets zum Nachteil der Mädchen auswirkten, denen in einer vorwiegend militärisch oder landwirtschaftlich ausgerichteten Gesellschaft kein großer Wert beigemessen wurde. Die am weitesten verbreitete Form des Kindesmords war, das Stillen des Säuglings einfach zu unterlassen oder zu verweigern.

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Wechselbalg Drastisch waren die Nachteile, die den unehelichen, den körperlich missgebildeten und geistig zurückgebliebenen Kindern erwuchsen, die man als »Wechselbälge«, als Geschöpfe eines anderen mächtigen Kinderfeinds, nämlich des Teufels, ansah.

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Wickeln Der Glaube, dass Kinder nahe daran wären, sich in gänzlich gottlose Geschöpfe zu verwandeln, ist einer der Gründe, warum sie so lange und so fest angebunden oder gewickelt wurden. Man spürt diese Tendenz bei Bartholomäus Anglicus (1230): »Wegen ihrer Weichheit können die Gliedmaßen der Kinder leicht verbogen oder gekrümmt werden und verschiedene Formen annehmen. Deshalb sollten die Gliedmaßen von Kindern mit Bandagen und anderen geeigneten Mitteln umwickelt werden, damit sie nicht verwachsen oder mißgebildet werden können … .«
Gründe für das Wickeln waren: Das Baby muss gewickelt und angebunden werden, weil es sich sonst die Ohren abreißt, die Augen auskratzt, die Beine bricht oder seine Genitalien berührt. Das traditionelle Wickeln wurde in den verschiedenen Ländern und Zeiten im Wesentlichen auf die gleiche Weise gehandhabt. Es »besteht darin, das Kind durch Umwickeln mit einem endlos langen Band am Gebrauch seiner Gliedmaßen vollständig zu hindern, so dass es am Ende einem Holzblock gleicht; dadurch wird manchmal die Haut wund gerieben, das Fleisch fast bis zum Brand zusammengepresst, der Blutkreislauf nahezu gestoppt und dem Kind auch die geringste Fähigkeit zur Bewegung genommen. Seine kleine Taille ist von einem Korsett umgeben … Sein Kopf ist in die Form gepreßt, die der Phantasie der Hebamme vielleicht gerade in den Sinn kam; und seine Gestalt wird durch entsprechendes Zusammenpressen erhalten …« (William P. Dewees, 1826).
In England und Amerika hörte man mit dem Wickeln gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf, in Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert. Deutsche Babys wurden fester und länger gewickelt als französische; man nannte sie »Wickelkinder«. Im Jahre 1877 wurde in Fraser’s Magazine ein deutsches Baby als ein »klägliches Objekt« geschildert, das wie eine Mumie in meterlange Bandagen gefesselt und eingebunden sei, von denen es ein- oder höchstens zweimal pro Tag befreit würde. Das Kind wurde selten gebadet.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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