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Jugenskriminalität

     
       

 

   
   

Leseprobe

 

Chill Out
Parteilichkeit für die Jugendlichen
Ein Interview

   
             
   

DOWAS Jahresbericht Cover

 

Frage Welchen Auftrag hat das Chill Out?

Marion Kapferer Der Unterschied zu Maßnahmen der Jugendwohlfahrt ist, dass das Chill Out keinen Erziehungs- und Obsorgetitel hat, weil der Aufenthalt der Jugendlichen zeitlich begrenzt ist. Das Jugendamt muss auch die Meinung der Eltern anhören, das müssen wir nicht. Diese Parteilichkeit für den Jugendlichen ist für das Chill Out absolut notwendig, nur so können wir überhaupt arbeiten.

Wenn ein Jugendlicher das erste Mal zu mir kommt, beginne ich das Gespräch jedes Mal damit, dass ich sage: »Was wir hier besprechen, verlässt nicht diesen Raum. Du kannst mir erzählen, was du willst – weder die Eltern, noch das Jugendamt, noch die Polizei erfahren etwas. Ich stehe zu dir, und zwar zu hundert Prozent.« Wenn Eltern ins Chill Out kommen wollen oder müssen, um Anträge zu unterschreiben, steht es dem Jugendlichen prinzipiell frei, ob er dabei sein will oder nicht. Wir signalisieren auch den Eltern, dass wir nicht ihr Ohr sind, dem sie klagen können, sondern die Anliegen des Jugendlichen vertreten. Die Jugendlichen brauchen eine gewisse Zeit, bis sie merken, dass sie uns vertrauen können.

Frage Wie kommen die Jugendlichen ins Chill Out?

MK Für gewöhnlich kommen die Jugendlichen in Begleitung gleichaltriger Freunde zu uns, die vom Chill Out gehört haben, die schon einmal in der Anlaufstelle waren oder hier gewohnt haben. Gleichaltrige Freunde erfahren es als erstes, wenn es zu Hause unerträglich ist.

Es ist wirklich eine gewaltige Leistung für einen Jugendlichen diesen Schritt aus der Familie hinauszuwagen. Ohne die Begleitung gleichaltriger Freunde wäre das für viele unmöglich. Im Chill Out trifft der Jugendliche auf Erwachsene, die er nicht kennt und denen er in seiner Not vertrauen muss.
Eine große Hürde für die Jugendlichen ist dabei die mangelnde Unterstützung ihres sozialen Umfelds. Es gibt schon immer wieder Signale der Jugendlichen, die ein Erwachsener wahrnehmen könnte. Aber es wird häufig nicht adäquat darauf reagiert: Nachbarn hören zum Beispiel, dass jemand in der Wohnung über ihnen geschlagen wird und reagieren nicht, ein Lehrer im Turnunterricht stellt Flecken fest und reagiert nicht.
Nach wie vor gilt in vielen Familien, dass alles, was in den vier Wänden geschieht, nicht nach draußen dringen darf. Das führt häufig dazu, dass die Kinder glauben, sie seien selbst daran schuld, wenn sie misshandelt werden. Erst wenn sie erleben, wie in anderen Familien miteinander umgegangen wird, rückt das ihre eigenen Erfahrungen in ein anderes Licht. Bis dorthin haben diese Kinder und Jugendlichen aber oft schon ein jahrelanges Martyrium hinter sich.
Frage Wie ist das in der Praxis. Kommen zum Beispiel Kindergärtnerinnen in Ausbildung ins Chill Out?
MK Kindergärtnerinnen in Ausbildung, aber auch Schulklassen kommen regelmäßig zu uns. Es ist ein Teil unserer Arbeit zu vermitteln, dass Kinder, die dann einmal so alt sind wie unsere Jugendlichen im Chill Out, nicht aus einer momentanen Situation heraus zu uns kommen, sondern dass das eine sehr lange Geschichte hat, bis zurück ins Kindergartenalter. Verantwortliche in Kindergärten, Schulen etc. sollten ein Bewusstsein bekommen, damit es für Kinder und Jugendliche leichter wird, ihr Schweigen zu brechen.

Frage Welche Zukunftspläne haben die Jugendlichen im Chill Out? Kommt es vor, dass Jugendliche im Chill Out sagen: »Ich werde nie eine Familie gründen«

MK Nein, das ist noch nie vorgekommen. Der Zukunftswunsch, den unsere Jugendlichen haben, ist: Ausbildung, Haus oder eine Wohnung und dann – noch im selben Satz – eine Frau oder einen Mann und ein Kind. Unabhängig davon, welche Familienerfahrung sie gemacht haben, wenn sie überhaupt eine gemacht haben, haben sie eine genaue Vorstellung davon, wie eine perfekte Familie sein soll. Diese soll dann ihre Wünsche nach Geborgenheit und Liebe – all das, was ihnen fehlt – abdecken.

Frage Es gibt also jenseits von »Familie« und was dieser Begriff impliziert, keinerlei Vorstellung darüber, wie oder was das Leben sein könnte?

MK Die Geschichten von Vater, Mutter, Kind in harmonischer Umgebung geben die Werte vor. Die Kinder bemerken allerdings oft schon im Kindergarten, dass es bei ihnen zuhause nicht so ist.

Interessant ist, dass es keinen großen Unterschied in den Vorstellungen und Wünschen gibt zwischen Jugendlichen, die schon immer außerhalb einer Familie untergebracht waren und Jugendlichen, die körperliche und seelische Misshandlung in ihrer Familie erfahren haben. Der Wunsch ernst genommen zu werden, jemanden zu haben, der sich für sie verantwortlich fühlt, der ihnen zuhört, ihnen bei ihren Problemen hilft und zu ihnen steht, ist bei allen bestimmend.

Frage Bekommt die Familie dadurch einen Wert, weil das Alleinsein noch viel schrecklicher sein kann oder die Vorstellung, allein zu sein, noch viel unerträglicher sein kann?

MK Eine so beengte Wohnsituation wie im Chill Out, die für uns Erwachsene unvorstellbar ist, ist für viele Jugendliche genau das richtige. Sie empfinden es als sehr angenehm, nie allein sein zu müssen. Sie genießen es, dass immer jemand da ist, mit dem sie reden können. Um hier den Kreis zur Familie zu schließen: Eine Familie impliziert ja auch immer das Nichtalleinsein, und das ist bei unseren Jugendlichen immer mit positiven Fantasien besetzt.

Mehrere Mädchen im Chill Out, die schwanger waren und sich für das Kind entschieden haben, haben gesagt, dass ein Kind ihnen wenigstens nicht davonlaufen kann. Es stellt für sie die Sicherheit dar, nicht verlassen zu werden. Sie erwarten sich Liebe und Zuneigung von einem Neugeborenen. Das Kind sollte alle ihre Mängel und Bedürfnisse abdecken. Kinder zu haben, wird auch gesellschaftlich forciert: »?Wenn ich Mutter bin und ein Kind habe, dann habe ich etwas geleistet?«. Das wird von den Mädchen nicht so formuliert, aber wenn sie schwanger sind, bekommen sie mehr Aufmerksamkeit. Sie erhalten Unterstützung und Zuwendung und auch einen »?Wert?«, den sie nie zuvor gehabt haben. Das ist bei manchen Mädchen unbewusst auch ein Grund für ihren Kinderwunsch. Das Mädchen wird von der Gesellschaft nicht mehr als arbeitslose Jugendliche gesehen, sondern es hat als Mutter gesellschaftliche Anerkennung.

Frage Wie reagieren die Eltern, wenn ein Jugendlicher bei euch einzieht?

MK Sehr unterschiedlich. Es gibt Mütter oder Väter, die rufen nicht einmal an, die verweigern das Gespräch in jeder Hinsicht. Sie stehen auf dem Standpunkt: »Wenn du nicht zu Hause bleibst, habe ich kein Kind mehr.« Manche Eltern verhängen auch ein Kontaktverbot zu den Geschwistern, das die Jugendlichen oft besonders hart trifft. Das andere Extrem ist, dass Eltern jeden Tag bei uns in der Einrichtung stehen, beteuern, dass sie sich ändern werden und den Jugendlichen wieder mitnehmen wollen. Manche der Jugendlichen gehen das erste Mal wieder zurück, obwohl sich an der familiären Situation nichts geändert hat. Es braucht oft mehrere Anläufe. Das Chill Out gibt den Jugendlichen eine Notfallnummer und Adressen mit, damit sie immer im Hinterkopf haben, dass sie jederzeit fort können. Viele Jugendliche, die zurückgehen, halten telefonischen Kontakt zum Chill Out.

Wir arbeiten aber auch mit Eltern, die durchaus einsehen, dass es für alle eine Entlastung und im Moment besser ist, wenn der Jugendliche nicht bei ihnen lebt, weil sie überfordert sind. So kann die Zusammenarbeit gut funktionieren, und auch der Kontakt ist dann viel besser.

Frage Zum Schluss: Der Begriff Familie wird in der Sozialarbeit zunehmend durch den Begriff »Herkunftssystem« ersetzt. Was hältst du davon?

MK Den Begriff Herkunftssystem habe ich bei meiner Arbeit nicht im Kopf. Begriffe wie Herkunftssystem oder Humankapital kommen mir nicht über die Lippen, auch nicht aus Versehen. Das würde mir nie passieren, weil ich einfach einen anderen Zugang zu meiner Arbeit habe.

Marion Kapferer ist Mitarbeiterin des Chill Out

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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