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Heimerziehung

     
       

 

   
   

Leseprobe

 

Von der Heimerziehung
Von Bert Breit (1927 – 2004)
Der Text ist ein Kapitel aus einem Buchmanuskript über Prostitution. Geschrieben Anfang der 80er Jahre

   
             
   

DOWAS Jahresbericht Cover

 

Fachleute und professionelle Zuhälter sind sich einig: Ein relativ hoher Prozentsatz der Frauen, die sich (auf der Straße oder in Minibordellen) prostituieren, sind als Kinder und Jugendliche in Heimen eingesperrt und zwangserzogen worden.

Die Leute mit hochbezahlten Berufen, Besitz und Vermögen – die sogenannten besseren Leute also – haben es leichter. Wenn sie ihre Kinder lang genug vernachlässigt, verwöhnt, emotionell ausgehungert, mit Geld abgespeist, mit repressiver Toleranz fertiggemacht haben und diese Kinder auf das, was man ihnen angetan oder vorenthalten hat, reagieren – mit Leistungsverweigerung, Normverletzung oder Selbstzerstörung – die besseren Leute können einiges dagegen unternehmen. Privat. Diskret. Ohne lästige Einmischung von Polizei und Jugendämtern. Die besseren Leute können zum Beispiel Psychiater und Sonderpädagogen zu Rate ziehen; sie können ihre ausgeflippten Töchter und Söhne in teure Privatinternate, First-Class-Kliniken, in Spezialsanatorien stecken. Fachleute von Ruf, clevere Therapeuten und jede Menge Gurus stellen sich – gegen fettes Honorar versteht sich – bereitwillig zur Verfügung, um die seelischen Schäden gestörter Kinder aus gutem Haus zu reparieren.

Für die kleinen, die niedergehaltenen Leute, für die Lohnabhängigen, die Wenigverdiener und Armen, die mit Überlebensproblemen (haben wir noch zu heizen?) und mit Schulden (wovon zahlen wir die nächste Miete?) überlastet sind und dankbar zu sein haben, dass sie, zu welchen Bedingungen auch immer, überhaupt arbeiten dürfen, gibt es dieses differenzierte Therapieangebot nicht, falls sie es nicht schaffen, ihre Kinder so aufzuziehen, dass diese, ohne aufzufallen, sich anpassen ans Bestehende. Aber weil die Wirtschaft und die Industrie willige, angepasste, mit allem zufriedene Arbeitskräfte brauchen, hat der Staat, der von Wirtschaft und Industrie abhängt, schon immer dafür gesorgt, dass auch die Kinder der geringen Leute, sobald sie die gesellschaftlichen Vorschriften verletzen, behandelt werden; selbstverständlich nicht so diskret, nicht so aufwendig, nicht so individuell wie die Kinder der besseren Leute.

Auf Antrag und Betreiben einschlägiger Ämter, oft unter zu-packen-der Hilfe der Polizei, nimmt der Staat die Kinder der niederen Leute in öffentliche Fürsorge. Die staatliche Fürsorgeerziehung war nie dazu da, den männlichen und weiblichen Zöglingen aus der Unterschicht das zu bieten, worauf sie ein Recht hätten: eine vollwertige Schul- und Berufsausbildung in einer humanen, entwicklungsfördernden Umgebung.

Fürsorgeerziehung hieß für die Jugendlichen konkret: sich einsperren, sich demütigen und zerbrechen lassen; sich anpassen, Schläge und Isolierung erdulden. Gitter vor den Fenstern. Keine Außenkontakte. Unterdrückte Sexualität. Kaum Freundschaften. Verzicht auf normale Schul- und Berufsausbildung. Resozialisierung nannten das die Praktiker und Schreibtischtäter der öffentlichen Fürsorge. Versuche, die Heimerziehung offener, menschlicher zu gestalten, hat es mehrfach gegeben. Idealistische Erzieher, engagierte Pädagogen und kritisch denkende Fachleute haben sich vor allem in den letzten fünfzehn Jahren um Reformen bemüht und, gezwungen durch die permanenten Misserfolge der herkömmlichen Fürsorgeerziehung, hat der Staat – in Einzelfällen – Reformen zugelassen. Dennoch sind im Lauf der Jahrzehnte Tausende von männlichen und weiblichen Jugendlichen in Fürsorgeheime getrieben, dort behandelt und schließlich – als unerziehbar, scheinangepasst, psychisch geschädigt – entlassen worden: voll von Lebenshunger, voll von Hass auf alles, mit äußerst geringen Berufs- und Lebenschancen. Wenige fanden sinnvolle Arbeit; viele, isoliert in Außenseiterrollen gedrängt, wurden kriminell.

Die Mädchen, die aus den Heimen kamen, waren noch viel schlechter dran als die männlichen Fürsorgezöglinge; sie schlugen sich durch als Küchenhilfen und Putzerinnen; sie ließen sich – notgedrungen – von Männern aushalten oder heiraten; sie arbeiteten stundenweise, aushilfsweise als Wäscherinnen und Fabriksarbeiterinnen. Oder sie landeten auf dem Strich.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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