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Fachleute und professionelle Zuhälter sind sich einig: Ein relativ
hoher Prozentsatz der Frauen, die sich (auf der Straße oder in Minibordellen)
prostituieren, sind als Kinder und Jugendliche in Heimen eingesperrt und
zwangserzogen worden.
Die Leute mit hochbezahlten Berufen, Besitz und Vermögen –
die sogenannten besseren Leute also – haben es leichter. Wenn sie
ihre Kinder lang genug vernachlässigt, verwöhnt, emotionell
ausgehungert, mit Geld abgespeist, mit repressiver Toleranz fertiggemacht
haben und diese Kinder auf das, was man ihnen angetan oder vorenthalten
hat, reagieren – mit Leistungsverweigerung, Normverletzung oder
Selbstzerstörung – die besseren Leute können einiges dagegen
unternehmen. Privat. Diskret. Ohne lästige Einmischung von Polizei
und Jugendämtern. Die besseren Leute können zum Beispiel Psychiater
und Sonderpädagogen zu Rate ziehen; sie können ihre ausgeflippten
Töchter und Söhne in teure Privatinternate, First-Class-Kliniken,
in Spezialsanatorien stecken. Fachleute von Ruf, clevere Therapeuten und
jede Menge Gurus stellen sich – gegen fettes Honorar versteht sich
– bereitwillig zur Verfügung, um die seelischen Schäden
gestörter Kinder aus gutem Haus zu reparieren.
Für die kleinen, die niedergehaltenen Leute, für die Lohnabhängigen,
die Wenigverdiener und Armen, die mit Überlebensproblemen (haben
wir noch zu heizen?) und mit Schulden (wovon zahlen wir die nächste
Miete?) überlastet sind und dankbar zu sein haben, dass sie, zu
welchen Bedingungen auch immer, überhaupt arbeiten dürfen, gibt
es dieses differenzierte Therapieangebot nicht, falls sie es nicht schaffen,
ihre Kinder so aufzuziehen, dass diese, ohne aufzufallen, sich anpassen
ans Bestehende. Aber weil die Wirtschaft und die Industrie willige, angepasste,
mit allem zufriedene Arbeitskräfte brauchen, hat der Staat, der von
Wirtschaft und Industrie abhängt, schon immer dafür gesorgt,
dass auch die Kinder der geringen Leute, sobald sie die gesellschaftlichen
Vorschriften verletzen, behandelt werden; selbstverständlich nicht
so diskret, nicht so aufwendig, nicht so individuell wie die Kinder der
besseren Leute.
Auf Antrag und Betreiben einschlägiger Ämter, oft unter zu-packen-der
Hilfe der Polizei, nimmt der Staat die Kinder der niederen Leute in öffentliche
Fürsorge. Die staatliche Fürsorgeerziehung war nie dazu da,
den männlichen und weiblichen Zöglingen aus der Unterschicht
das zu bieten, worauf sie ein Recht hätten: eine vollwertige Schul-
und Berufsausbildung in einer humanen, entwicklungsfördernden Umgebung.
Fürsorgeerziehung hieß für die Jugendlichen konkret:
sich einsperren, sich demütigen und zerbrechen lassen; sich anpassen,
Schläge und Isolierung erdulden. Gitter vor den Fenstern. Keine Außenkontakte.
Unterdrückte Sexualität. Kaum Freundschaften. Verzicht auf normale
Schul- und Berufsausbildung. Resozialisierung nannten das die Praktiker
und Schreibtischtäter der öffentlichen Fürsorge. Versuche,
die Heimerziehung offener, menschlicher zu gestalten, hat es mehrfach
gegeben. Idealistische Erzieher, engagierte Pädagogen und kritisch
denkende Fachleute haben sich vor allem in den letzten fünfzehn Jahren
um Reformen bemüht und, gezwungen durch die permanenten Misserfolge
der herkömmlichen Fürsorgeerziehung, hat der Staat – in
Einzelfällen – Reformen zugelassen. Dennoch sind im Lauf der
Jahrzehnte Tausende von männlichen und weiblichen Jugendlichen in
Fürsorgeheime getrieben, dort behandelt und schließlich –
als unerziehbar, scheinangepasst, psychisch geschädigt – entlassen
worden: voll von Lebenshunger, voll von Hass auf alles, mit äußerst
geringen Berufs- und Lebenschancen. Wenige fanden sinnvolle Arbeit; viele,
isoliert in Außenseiterrollen gedrängt, wurden kriminell.
Die Mädchen, die aus den Heimen kamen, waren noch viel schlechter
dran als die männlichen Fürsorgezöglinge; sie schlugen
sich durch als Küchenhilfen und Putzerinnen; sie ließen sich
– notgedrungen – von Männern aushalten oder heiraten;
sie arbeiteten stundenweise, aushilfsweise als Wäscherinnen und Fabriksarbeiterinnen.
Oder sie landeten auf dem Strich.
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