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Jugenskriminalität

     
       

 

   
   

Leseprobe

 

Jugendkriminalität und Jugendgewalt
Von Hansjörg Schlechter
Plädoyer für einen angemessenen und sachlichen Umgang mit einem Dauerbrenner

   
             
   

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Jugendkriminalität ist ein Kampffeld für Populisten und »Law and Order«-Politiker. Mit Kriminalität und innerer Sicherheit lassen sich Stimmen maximieren und lässt sich Handlungsstärke demonstrieren. Gefordert werden die Herabsetzung der Strafmündigkeit, strengere Strafen, Erziehungslager für Jugendliche, sofortige Ausweisung »krimineller« jugendlicher Ausländer. Während die Parteien sich in Presseaussendungen mit immer krasseren Vorschlägen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität überbieten, sollte erwähnt werden, dass der Anteil der Wirtschaftskriminalität zwei Prozent der Gesamtkriminalität ausmacht, aber für 50 Prozent der Schadenssumme verantwortlich ist. Untermauert werden all die Hiobsbotschaften durch die vermeintlich objektiven Zahlen der Kriminalstatistik des Innenministeriums.

Die Statistik des Innenministeriums

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Kriminalitätsberichts des Innenministeriums ist die gebräuchlichste und auch die – von den Medien – als Maß der Sicherheitslage meist beachtete Kriminalstatistik. Politiker aller Parteien benutzen die Zahlen des Innenministeriums entweder als Beleg für die erfolgreiche Polizeiarbeit (Verbrechen gehen zurück, die Aufklärungsquote steigt) oder zur Alarmierung der Bevölkerung (explodierende Jugendkriminalität). Die Ergebnisse werden einer verschreckten und in Angst versetzten Öffentlichkeit als unhinterfragbare, objektive Fakten einer abgebildeten Wirklichkeit der Kriminalität präsentiert. Dabei beinhalten diese polizeilichen Statistiken nur die registrierten, angezeigten strafbaren Handlungen sowie die ermittelten Tatverdächtigen. Vor diesem Hintergrund ist die Polizeistatistik eine Anzeige- und Tätigkeitsstatistik von amtlich bekannt gewordenen Fällen und sagt mehr über das Anzeigeverhalten der Bevölkerung aus als über das Ausmaß tatsächlicher Kriminalität. Über 90 Prozent aller Vorfälle, die in einer Anzeige münden, werden durch Opfer bzw. Zeugen bekannt. Nur bei einigen Deliktgruppen, wie der Drogendelinquenz, gehen die Anzeigen auf eine aktive Kontroll- und Überwachungstätigkeit der Polizei zurück.

Verzerrter Blick

Der Blick auf die Kriminalität wird auch dadurch verzerrt, dass das Verhältnis zwischen angezeigten Straftaten und ermittelten Tatverdächtigen durch die Aufklärungsquote der Polizei bestimmt wird. Erhöht sich die Aufklärungsrate der Polizei durch mehr Einsatz, verstärkte Kontrolltätigkeit oder durch Schwerpunktaktionen, werden mehr Tatverdächtige ermittelt, ohne dass sich das Ausmaß an Kriminalität selbst erhöht. Da Tatverdächtige von der Polizei mehrfach gezählt werden, wenn ihnen mehrere strafbare Handlungen zugeordnet werden oder sie innerhalb eines Jahres mehrfach angezeigt wurden, ist von einer Überhöhung der Tatverdächtigtenzahlen um mindestens 20% auszugehen.

Die Aufklärungsquote der erfassten strafbaren Handlungen beträgt bundesweit ca. 39 %. Zu berücksichtigen sind aber sowohl regionale als auch deliktspezifische Unterschiede. So beträgt die Aufklärung bei Delikten gegen Leib und Leben (Körperverletzung, Totschlag, Mord) knapp 86%, während sie bei Eigentumsdelikten nur bei etwas über 23 % liegt (Sicherheitsbericht 2006 und 2007). Der größere Teil aller strafbaren Handlungen ist den Behörden gar nicht bekannt und bleibt im sogenannten Dunkelfeld. Das Kalkül von Betroffenen, Anzeige zu erstatten, ist vom Delikt, der Schwere des erlittenen Schadens, der eigenen Betroffenheit und dem Versicherungsschutz abhängig.

Eigentumsdelikte

Im Bereich der Eigentumsdelikte beeinflussen Strategien der großen Handelskonzerne gegen Ladendiebstahl die Kriminalitätszahlen. Ein vermehrter Einsatz von technischen Überwachungssystemen (Videoüberwachung und elektronische Diebstahlsicherung), von Kaufhausdetektiven und Security, die angewiesen sind, alle ertappten Täter der Polizei zu melden, führt zu mehr Anzeigen und damit mehr entdeckten Dieben. Darüber hinaus beträgt die Anzeigenquote bei Eigentumsdelikten mit Versicherungsschutz über 80%, ohne Schutz liegt sie bei 45%.

Gewaltdelikte

Die gestiegene Sensibilisierung gegenüber Gewalt im öffentlichen wie privaten Bereich beeinflusst auch hier die Anzeigebereitschaft und erhöht die registrierte Kriminalität. Die Bewertung, ob körperliche Auseinandersetzung unter Jugendlichen »Jugendgewalt« oder alterstypisches, jugendliches Kräftemessen ist, hängt davon ab, wie Medien, Öffentlichkeit und Politik dieses Thema aufbereiten und aufheizen. Wenn »Jugendgewalt nie gekannte Ausmaße« annimmt, wird auch bei geringen Anlässen die Polizei geholt und Anzeige erstattet. Wird mehr angezeigt, dann steigt die »registrierte« Kriminalität auch ohne reale Zunahme von Straftaten. Bei Körperverletzungsdelikten beispielsweise hat sich die Anzeigenbereitschaft in den letzten Jahrzehnten verdoppelt.

Die polizeiliche Kriminalstatistik verzerrt zudem das Ausmaß tatsächlicher Kriminalität, da schwerere Delikte überrepräsentiert sind. In den Erläuterungen der Kriminalstatistik des Innenministeriums wird dies auch offen eingestanden: »Bei der Interpretation der Daten des Kriminalitätsberichts ist zu berücksichtigen, dass die ausgewiesenen, strafbaren Handlungen hinsichtlich der Schwere des kriminellen Geschehens partiell ein etwas überzeichnetes Bild darstellen«, heißt es beschönigend im Sicherheitsbericht 2006. Die Erklärung dafür ist, dass die Polizeibehörden gegenüber der Staatsanwaltschaft häufig das Delikt schwerwiegender einstufen, als es dann das Gericht bewertet. So wird dann der angezeigte Mord oder Mordversuch von der Staatsanwaltschaft zu einem Totschlag oder zu einer Körperverletzung mit tödlichem Ausgang herabgestuft. Nicht selten lässt sich der Tatverdacht vor Gericht nicht erhärten. Bei ca. einem Drittel der Tatverdächtigen kommt es zu keiner Anklageerhebung.

Die Daten des Innenministeriums sind kein verlässliches Messinstrument für Kriminalität ie im Sicherheitsbericht des Innenministeriums erfassten Daten lassen also keinen Schluss über das tatsächliche gesellschaftliche Ausmaß von Kriminalität und vor allem über die Schwere zu. So bleibt bei einem Anstieg der Kriminalitätszahlen unklar, ob diese Veränderungen eher auf einen Anstieg der leichten oder der schweren Fälle von strafbaren Handlungen beruht und welchen sozialen Gruppen unserer Gesellschaft das Anwachsen der Zahlen zuzuschreiben ist.

Es gibt also nicht das Messinstrument für Kriminalität, auch wenn die Statistik von Politik und Medien genau dafür missbraucht wird. Um seriöse Aussagen zur Kriminalitätsentwicklung einer Gesellschaft treffen zu können, bedarf es verschiedener Datenquellen und Verknüpfungen wie der gerichtlichen Kriminalstatistik, der Daten der Unfall- und Sozialversicherungsträger und vor allem Täter- und Opferbefragungen.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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