| |
|
|

|
|
|
Jugendkriminalität ist ein Kampffeld für Populisten und »Law
and Order«-Politiker. Mit Kriminalität und innerer Sicherheit
lassen sich Stimmen maximieren und lässt sich Handlungsstärke
demonstrieren. Gefordert werden die Herabsetzung der Strafmündigkeit,
strengere Strafen, Erziehungslager für Jugendliche, sofortige Ausweisung
»krimineller« jugendlicher Ausländer. Während die
Parteien sich in Presseaussendungen mit immer krasseren Vorschlägen
zur Bekämpfung der Jugendkriminalität überbieten, sollte
erwähnt werden, dass der Anteil der Wirtschaftskriminalität
zwei Prozent der Gesamtkriminalität ausmacht, aber für 50 Prozent
der Schadenssumme verantwortlich ist. Untermauert werden all die Hiobsbotschaften
durch die vermeintlich objektiven Zahlen der Kriminalstatistik des Innenministeriums.
Die Statistik des Innenministeriums
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Kriminalitätsberichts
des Innenministeriums ist die gebräuchlichste und auch die –
von den Medien – als Maß der Sicherheitslage meist beachtete
Kriminalstatistik. Politiker aller Parteien benutzen die Zahlen des Innenministeriums
entweder als Beleg für die erfolgreiche Polizeiarbeit (Verbrechen
gehen zurück, die Aufklärungsquote steigt) oder zur Alarmierung
der Bevölkerung (explodierende Jugendkriminalität). Die Ergebnisse
werden einer verschreckten und in Angst versetzten Öffentlichkeit
als unhinterfragbare, objektive Fakten einer abgebildeten Wirklichkeit
der Kriminalität präsentiert. Dabei beinhalten diese polizeilichen
Statistiken nur die registrierten, angezeigten strafbaren Handlungen sowie
die ermittelten Tatverdächtigen. Vor diesem Hintergrund ist die Polizeistatistik
eine Anzeige- und Tätigkeitsstatistik von amtlich bekannt gewordenen
Fällen und sagt mehr über das Anzeigeverhalten der Bevölkerung
aus als über das Ausmaß tatsächlicher Kriminalität.
Über 90 Prozent aller Vorfälle, die in einer Anzeige münden,
werden durch Opfer bzw. Zeugen bekannt. Nur bei einigen Deliktgruppen,
wie der Drogendelinquenz, gehen die Anzeigen auf eine aktive Kontroll-
und Überwachungstätigkeit der Polizei zurück.
Verzerrter Blick
Der Blick auf die Kriminalität wird auch dadurch verzerrt, dass
das Verhältnis zwischen angezeigten Straftaten und ermittelten Tatverdächtigen
durch die Aufklärungsquote der Polizei bestimmt wird. Erhöht
sich die Aufklärungsrate der Polizei durch mehr Einsatz, verstärkte
Kontrolltätigkeit oder durch Schwerpunktaktionen, werden mehr Tatverdächtige
ermittelt, ohne dass sich das Ausmaß an Kriminalität selbst
erhöht. Da Tatverdächtige von der Polizei mehrfach gezählt
werden, wenn ihnen mehrere strafbare Handlungen zugeordnet werden oder
sie innerhalb eines Jahres mehrfach angezeigt wurden, ist von einer Überhöhung
der Tatverdächtigtenzahlen um mindestens 20% auszugehen.
Die Aufklärungsquote der erfassten strafbaren Handlungen beträgt
bundesweit ca. 39 %. Zu berücksichtigen sind aber sowohl regionale
als auch deliktspezifische Unterschiede. So beträgt die Aufklärung
bei Delikten gegen Leib und Leben (Körperverletzung, Totschlag, Mord)
knapp 86%, während sie bei Eigentumsdelikten nur bei etwas über
23 % liegt (Sicherheitsbericht 2006 und 2007). Der größere
Teil aller strafbaren Handlungen ist den Behörden gar nicht bekannt
und bleibt im sogenannten Dunkelfeld. Das Kalkül von Betroffenen,
Anzeige zu erstatten, ist vom Delikt, der Schwere des erlittenen Schadens,
der eigenen Betroffenheit und dem Versicherungsschutz abhängig.
Eigentumsdelikte
Im Bereich der Eigentumsdelikte beeinflussen Strategien der großen
Handelskonzerne gegen Ladendiebstahl die Kriminalitätszahlen. Ein
vermehrter Einsatz von technischen Überwachungssystemen (Videoüberwachung
und elektronische Diebstahlsicherung), von Kaufhausdetektiven und Security,
die angewiesen sind, alle ertappten Täter der Polizei zu melden,
führt zu mehr Anzeigen und damit mehr entdeckten Dieben. Darüber
hinaus beträgt die Anzeigenquote bei Eigentumsdelikten mit Versicherungsschutz
über 80%, ohne Schutz liegt sie bei 45%.
Gewaltdelikte
Die gestiegene Sensibilisierung gegenüber Gewalt im öffentlichen
wie privaten Bereich beeinflusst auch hier die Anzeigebereitschaft und
erhöht die registrierte Kriminalität. Die Bewertung, ob körperliche
Auseinandersetzung unter Jugendlichen »Jugendgewalt« oder
alterstypisches, jugendliches Kräftemessen ist, hängt davon
ab, wie Medien, Öffentlichkeit und Politik dieses Thema aufbereiten
und aufheizen. Wenn »Jugendgewalt nie gekannte Ausmaße«
annimmt, wird auch bei geringen Anlässen die Polizei geholt und Anzeige
erstattet. Wird mehr angezeigt, dann steigt die »registrierte«
Kriminalität auch ohne reale Zunahme von Straftaten. Bei Körperverletzungsdelikten
beispielsweise hat sich die Anzeigenbereitschaft in den letzten Jahrzehnten
verdoppelt.
Die polizeiliche Kriminalstatistik verzerrt zudem das Ausmaß tatsächlicher
Kriminalität, da schwerere Delikte überrepräsentiert sind.
In den Erläuterungen der Kriminalstatistik des Innenministeriums
wird dies auch offen eingestanden: »Bei der Interpretation der Daten
des Kriminalitätsberichts ist zu berücksichtigen, dass die ausgewiesenen,
strafbaren Handlungen hinsichtlich der Schwere des kriminellen Geschehens
partiell ein etwas überzeichnetes Bild darstellen«, heißt
es beschönigend im Sicherheitsbericht 2006. Die Erklärung dafür
ist, dass die Polizeibehörden gegenüber der Staatsanwaltschaft
häufig das Delikt schwerwiegender einstufen, als es dann das Gericht
bewertet. So wird dann der angezeigte Mord oder Mordversuch von der Staatsanwaltschaft
zu einem Totschlag oder zu einer Körperverletzung mit tödlichem
Ausgang herabgestuft. Nicht selten lässt sich der Tatverdacht vor
Gericht nicht erhärten. Bei ca. einem Drittel der Tatverdächtigen
kommt es zu keiner Anklageerhebung.
Die Daten des Innenministeriums sind kein verlässliches Messinstrument
für Kriminalität ie im Sicherheitsbericht des Innenministeriums
erfassten Daten lassen also keinen Schluss über das tatsächliche
gesellschaftliche Ausmaß von Kriminalität und vor allem über
die Schwere zu. So bleibt bei einem Anstieg der Kriminalitätszahlen
unklar, ob diese Veränderungen eher auf einen Anstieg der leichten
oder der schweren Fälle von strafbaren Handlungen beruht und welchen
sozialen Gruppen unserer Gesellschaft das Anwachsen der Zahlen zuzuschreiben
ist.
Es gibt also nicht das Messinstrument für Kriminalität, auch
wenn die Statistik von Politik und Medien genau dafür missbraucht
wird. Um seriöse Aussagen zur Kriminalitätsentwicklung einer
Gesellschaft treffen zu können, bedarf es verschiedener Datenquellen
und Verknüpfungen wie der gerichtlichen Kriminalstatistik, der Daten
der Unfall- und Sozialversicherungsträger und vor allem Täter-
und Opferbefragungen.
|
|
|
|