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INHALT
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Faulbettdebatte
Aktivierungsdebatte
Pädagogisierung
von Armut
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Ein paar Anmerkungen zu der von der Bundesregierung geführten
politischen »Armutsdebatte« rund um die Einführung der
Bedarfsorientierten Mindestsicherung (bMS), in der wenig über Armut
als gesellschaftspolitisches Thema, aber sehr viel über »die
Armen« gesprochen wird:
Nicht gesellschaftliche Verhältnisse und deren Auswirkungen auf
die Existenzsicherheit der BürgerInnen stehen im Mittelpunkt. Das
Hauptaugenmerk der Regierungsvertreter richtet sich in der öffentlichen
Debatte darauf, das Problem »Armut und gesellschaftliche Ausschließung«
mit »schlechten Charakteren« bzw. »falschen« Verhaltensweisen
der Betroffenen zu erklären.
Die Intention dieser Debatte ist klar: Die Verantwortlichkeit für
Armut wird individualisiert, um sich der politischen Verantwortung für
soziale Ungleichheit zu entledigen und eine pädagogisch ausgerichtete
Aktivierungspolitik zu legitimieren.
Faulbettdebatte
Wer nichts leistet, soll auch nichts essen
..
Die ÖVP sieht in der bMS vor allem ein Instrument, das Arbeitsunwilligkeit
und mangelnde Leistungsbereitschaft fördert und subventioniert. Die
Anklage lautet: Im »Faulbett« liegende »Leistungsverweigerer«
werden belohnt, wodurch »hart arbeitende Menschen« bestraft
werden.
Die ÖVP erklärt das Problem von Armut bzw. Arbeitslosigkeit
verhaltensbezogen: Wer keine Arbeit hat oder findet, ist schlicht und
einfach zu faul. Die Ursache für diese »Faulheit« ortet
die ÖVP im Sozialstaat selbst:
Es sind die sozialstaatlichen Transferleistungen, die die Eigeninitiative
lähmen und den Anreiz, eine Arbeit aufzunehmen, untergraben. Das
Urteil lautet dementsprechend: Materielle Transferleistungen im Allgemeinen
und die bMS im Besonderen sind eine Fehlinvestition, weil sie Leistungsbereitschaft
verhindern. Konkretisiert bedeutet diese Betrachtungsweise: Ca. 1,5 %
der österreichischen Bevölkerung (inkl. mitunterstützte
Familienangehörige!) liegen derzeit, finanziert durch Sozialhilfeleistungen,
im Faulbett. Ca. 400.000 Personen verweigern, mit oder ohne ALVG Bezüge,
Leistungen zu erbringen. Der Rest ist fleißig. Des weiteren wird
argumentiert: Wenn man die Höhe der Transferleistungen verringern
würde, dann wären wieder viel mehr Menschen leistungsbereit,
was zu sinkenden Arbeitslosenzahlen, geringeren Staatsausgaben und letztendlich
zur Budgetsanierung beitragen würde.
In dieser Logik ist nicht die Existenzsicherung jener Menschen, die aus
unterschiedlichsten Gründen keinen Zugang zur Erwerbsarbeit haben
und über kein ausreichendes Vermögen verfügen, das politische
Ziel. Vielmehr wird die Existenzunsicherheit zur notwendigen Voraussetzung
für mehr Leistungsbereitschaft und Verteilungsgerechtigkeit erklärt.»Arbeit
muss sich lohnen – wer arbeitet, darf nicht weniger haben als jemand,
der nicht arbeitet«, lautet der dazugehörige Slogan. Die Empörung
jener, die mit niedrigem Erwerbseinkommen ihr Auslangen finden müssen,
wird auf die BezieherInnen von sozialen Transferleistungen gelenkt. Diese
werden für schuldig erklärt, den »Leistungserbringern«
etwas wegzunehmen und es sich auch noch gut gehen zu lassen, während
andere für ihr Einkommen hart arbeiten müssen. Eine durchsichtige
Strategie, um von Forderungen nach höherem Erwerbseinkommen, sicheren
Arbeitsplätzen, besseren Arbeitsbedingungen etc. abzulenken, den
Abbau von sozialstaatlichen Transferleistungen zu legitimieren und den
gesellschaftlichen Ausschluss von Teilen der Bevölkerung zu rechtfertigen.
top
Aktivierungsdebatte
und bist du nicht willig …
Die SPÖ sieht die bMS als ein »Trampolin in die Arbeit«,
das sicherstellen soll, dass aus »Leistungsempfängern wieder
Leistungszahler« werden. Um dieses Ziel zu erreichen, wird auf Aktivierung
der »Armen« und Arbeitslosen gesetzt.
Auch die SPÖ widmet ihre besondere Aufmerksamkeit mehr den »persönlichen
Defiziten« jener Menschen, die nicht am Wirtschaftsleben teilnehmen,
und weniger den wirtschaftlichen Verhältnissen, die gesellschaftliche
Teilhabe verhindern. Sozialreformerische Positionen und Forderungen, die
früher gerne von der SPÖ vertreten wurden, werden von einer
auf das Individuum gerichteten Anpassungsanforderung abgelöst: Integriere
dich! Die daraus resultierende Debatte zielt auf eine stärkere Verknüpfung
von Sozialpolitik und Arbeitsmarktpolitik, wobei Arbeitsmarktpolitik die
Förderung von Arbeitsbereitschaft meint: Durch mehr Aktivierung,
sprich durch repressive Instrumente und behördliche Kontrolle, sollen
»arbeitsmarktferne« Personen wieder in die Arbeit gebracht
und damit in die Gesellschaft integriert werden.
Konkretisiert bedeutet dies bei der geplanten bMS:
Unter »Aktivierung« wird hier die Herstellung bzw. Aufrechterhaltung
der »Arbeitswilligkeit« durch Androhung von Sanktionen (=
Leistungskürzung) verstanden. Die Auszahlung von Leistungen wird
vom (richtigen) Verhalten der BezieherInnen abhängig gemacht: Die
Anspruchsvoraussetzung wird mit der »Arbeitswilligkeit« verknüpft,
einer Aufforderung, die aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation schwer
erfüllbar sein wird. Der Sprung vom »Trampolin in die Arbeitswelt«
wird trotz sogenannter Flexibilität und großen Bemühens
für viele schlicht und einfach aufgrund fehlender Arbeitsplätze
nicht möglich sein. Das politische Versprechen, mithilfe der bMS
aus »Leistungsempfängern« wieder »Leistungszahler«
machen zu wollen, ist nicht einlösbar.
top
Pädagogisierung von Armut, Entmündigung
»der Armen«
Im Mittelpunkt beider Debatten stehen nicht Fragen der »Armutsbekämpfung«
wie die Beseitigung sozialer Ungerechtigkeit und gesellschaftlichen Ausschlusses,
das Stärken der Rechtsposition der vom Arbeitsmarkt ausgeschlossenen
Personen, die Gewährleistung von existenzsichernden Einkommen, von
leistbarem Wohnen, besserem Zugang zu Bildung usw. Vielmehr steht das
Thema »(Um-)Erziehen der Armen« im Vordergrund:
»Die Armen« werden so dargestellt, als handle es sich um eine
Gruppe von Menschen, die einer besonderen staatlichen »Behandlung«
bedürfen, um ihre Faulheit zu überwinden bzw. ihre Arbeitswilligkeit
zu stärken. Da wie dort wird in einer herablassenden und abwertenden
Art und Weise über jene Menschen gesprochen, die eines gemeinsam
haben: keine gesicherte Existenz.
Die sozial- und gesellschaftspolitische Zuständigkeit wird in einen
pädagogischen Auftrag umdefiniert und damit ausgeblendet.
In Zeiten, in denen ein zunehmender Anteil der Bevölkerung von Existenzunsicherheit
betroffen oder bedroht ist, eine geschickte weil funktionale Strategie:
Wenn gesellschaftliche Probleme personalisiert werden, wird die Verantwortung
für soziale Sicherheit privatisiert und damit die »soziale
Frage« entpolitisiert.
Übrig bleibt der Staat als disziplinierende pädagogische Institution,
die sich das Recht herausnimmt, zu bewerten, wer Unterstützung verdient
und wer nicht.
Wer künftig auf Leistungen der bMS angewiesen sein wird, wird zwar
nicht genug zum Leben haben, dafür aber mit größerer behördlicher
Kontrolle und versträkrten Disziplinierungsmaßnahmen konfrontiert
sein. Der mündige Bürger ist dabei nicht gefragt.
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