Für alle, die schon hart auf unseren Jahresbericht warten, gibt
es eine gute Nachricht: Wir haben uns entschlossen, 2009 und 2010 zusammenzulegen,
ganz dem Vorbild der Regierung folgend, welche das Budget auf mehrere
Jahre festgelegt und eingefroren hat. Im Gegensatz zu dieser überzeugen
wir aber nicht durch Kargheit, sondern durch Überfluss. Der nächste
Bericht wird bereits Anfang des Jahres erscheinen und besonders dick ausfallen.
In den vergangenen Monaten haben wir viel Arbeit in die Aufklärung
der reaktionären Funktion der Mindestsicherung gesteckt und versuchen
nun, den »Schaden« für Tirol so gering wie möglich
zu halten. Dementsprechend wird diesem Thema neben der Statistik an dieser
Stelle Rechnung getragen: eine fundiertere, umfassendere Abhandlung direkt
von der Basis wird man in Österreich nicht finden.
Bedarfsorientierte Mindestsicherung (bMS) – Sprungbrett in die
Armutsfalle kann Sozialarbeitern und solchen, die es werden wollen und
sich nicht nur Gedanken über ein gutes Essen am Abend machen, wärmstens
empfohlen werden.
Im Jänner ist völlig überraschend die Autorin Katharina
Rutschky verstorben. Als Tribute haben wir ihren Redebeitrag zu 10 Jahre
Chill Out aus dem Jahr 2009 in voller Länge auf unsere Homepage gestellt
.
Völlig unkommentiert wollen wir
das 2009er Jahr aber nicht lassen
In regelmäßigen Abständen versuchen politische Ideologen,
dem Menschen die Langeweile auszutreiben und ihn daran zu erinnern, dass
das süße Leben seit der Vertreibung aus dem Paradies eine moralische
Verwerflichkeit bedeute. Die Erwerbsarbeit wird dabei bewusst überhöht
und als der »Eckstein auf dem die Welt ruht, als die Wurzel unserer
Selbstachtung« betrachtet, wie schon Henry Ford belehrend meinte.
Das Theater, von den Medien inszeniert, findet auf einer boulevardisierten
Bühne statt, auf der sich Intellektuelle, Politiker, Unternehmer
und Künstler ebenso tummeln wie NGOs oder Gewerkschaften. Und ginge
es nicht um den gesellschaftlichen Kitt, den abzutragen die moralischen
Wächter sich wieder einmal zum Ziel gesetzt haben, könnte man
sich gelassen zurücklehnen und, wie in einer schlecht gespielten
Schmierenkomödie, dem eigenen Voyeurismus freien Lauf lassen.
Zwei Beispiele sollen den Ernst der Lage
verdeutlichen
Peter Sloterdijk, der als Pop-Philosoph im Dienste des bürgerlichen
Staates, dem die Rechtsstaatlichkeit ausgetrieben wurde, ein mediales
Comeback feiert, unterfüttert die politischen Gewaltakte theoretisch
mit intellektuellen Kurzschlüssen. Seiner Überzeugung nach diene
eine Kritik der politischen Ökonomie nur der Legitimation der Abschaffung
des Privatbesitzes und die Triebfeder jeder modernen Wirtschaft sei der
»Reflex des Zinsstresses«, die Sorge um die Rückzahlung
von Krediten. Erinnert uns diese Vereinfachung einer komplexen Welt nicht
an die bemühten Erklärungsattacken einer NGO Sloterdijk geht
aber dennoch weiter und wettert, dass eine gedankenlose, hysterische Rhetorik
neuerdings wieder suggerieren würde, wir lebten im Kapitalismus.
Nein, wir leben »… in einer Ordnung der Dinge, die man cum
grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden
Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss
…« Das hieße offiziell »Soziale Marktwirtschaft«
und diene nur dazu, den »kleptokratischen Staat« zu legitimieren.
Sloterdijk ermutigt alle Zweifelnden, sich nicht die Mühe zu machen,
darüber nachzudenken, wie ein Gesellschaftssystem überwunden
werden kann, das Menschen à la Houellebecq produziert, da es gar
nicht existiere und verleiht der Aversion gegenüber dem umverteilenden
Staat mit der Forderung seiner Abschaffung Ausdruck. Denn, so seine Pointe,
es sei in der »ökonomischen Moderne« zur Umkehrung der
Ausbeutung gekommen: die Unproduktiven lebten auf Kosten der Produktiven.
Die Bühne der Politik
Die Bühne der Politik ein Schwenk nach Hause zum Pendant von Hartz
IV, der »Mindestsicherung«. Das von der Regierung beschlossene
und als energische Bekämpfung der Armut ausgerufene Flickwerk ist
bereits vor seinem Inkrafttreten eine Mogelpackung, auf der mehr Bargeld
draufsteht, aber nur Monopolyscheine drin sind. Die Rahmenbedingungen
(15a Vereinbarung) zur Umsetzung in den einzelnen Ländern sprechen
eine deutliche Sprache: das Prinzip des »aktivierenden Staates«
wird forciert, bisher gültige Rechtsansprüche werden abgebaut.
Die Sicherung der Existenz wird damit allein dem Individuum überantwortet.
Im Konkreten bedeutet das für Betroffene, der Willkür freiwillig
erbrachter privater Hilfen in Form von Suppenküchen, Sozialmärkten
und Kleiderkammern ausgeliefert zu sein. Während ein Koalitionspartner
(ÖVP) sich noch eilig die Zustimmung zum Transparenzdatenkonto, das
endlich die immense Anzahl der Sozialmissbraucher aufdecken soll, einholt,
schwört sich der Bundeskanzler auf das neue Zeitalter ohne Armut
ein.
Er tut dies in erster Linie in Form von Rechtfertigungsversuchen als
Reflex auf die harsche Kritik aus dem rechten Lager: die Mindestsicherung
sei keine Einladung zur »sozialen Hängematte« sondern
ein »Sprungbrett zur Beschäftigung«, weil sie nur mit
der »Bereitschaft zur Annahme einer Beschäftigung« gewährt
werde. Na also, das ist doch ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip,
das eine kränkelnde Wirtschaft gerade jetzt so dringend bräuchte.
Doch aus Brüssel kommt zur rechten Zeit Schützenhilfe.
Diesmal allerdings nicht in Form des schnöden Mammons, sondern mit
einem listigen Trick. Um den Kapitalismus weiter zu entlasten, hat die
EU das Jahr 2011 zum Jahr der Freiwilligkeit ausgerufen. Also Leute, jetzt
schon Ärmel hochkrempeln, um nächstes Jahr endlich einmal etwas
Sinnvolles aus der »disposable time« zu machen. Leider Gottes
ist die Kritik an der Mindestsicherung, die den Namen auch verdient, erbärmlich
ausgefallen. Die große Mehrheit der Öffentlichkeit fordert
ihre Umsetzung vehement ein.
Was ist zu tun, könnte man sich angesichts der trüben Aussicht
fragen. Als Antwort herhalten sollen ein Poet und eine literarische Gestalt.
Ersterer gab den Tipp sich nicht verhärten zu lassen in einer harten
Zeit. Der Zweite, ein Gutsbesitzer, hat eigentlich nichts gemacht und
ist den ganzen Tag nur auf seinem Sofa herumgelegen. Daraus wurde die
Oblomowerei. Ausprobieren.
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