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Editorial Jackhammer

     
     

 

   
           
           
 

 

Editorial 2010

   
             
   

DOWAS Jahresbericht 2010

 

Zwei dominante Stränge lassen sich aus der jüngsten Vergangenheit extrahieren: die Diskussionen um die »Neue Armut« und die Reform der Sozialhilfe.

Auf den ersten Blick scheinen die Affinitäten dieser Topoi in ihrer unabänderlichen Symbiose zu liegen: Dass es ohne Armut auch keine Form der sozialstaatlichen Unterstützung bräuchte oder umgekehrt, dass es ohne die Mindestsicherung keine wirksame Waffe gegen die Armut gebe. In Wirklichkeit besteht die Gemeinsamkeit in erster Linie in der Scheinheiligkeit der Diskussion und dem moralischen Impetus der Auseinandersetzung.

Der Zusammenhang von Armut und Wohlfahrt ist keineswegs eindeutig und schon gar nicht frei von negativen Implikationen. Denken wir nur an die Bedingungen, die an den Erhalt von Sozialleistungen geknüpft sind. Neben der Bindung an die Lohnarbeit ist der Betroffene mit einem System der Degradierung, Kontrolle und expertokratischen Pseudohilfen konfrontiert. Er muss die »Hosen runter lassen«, dies umso mehr, je stärker er bereits vom sozialen Ausschluss betroffen ist.

Das Gerede um die Beseitigung der »Armut«, so im Jahr 2010 auch von der Regierung medienwirksam inszeniert, bedient Sehnsüchte und schlechte Gewissen. Denn es besteht kein gesellschaftliches Interesse daran, die ökonomischen Ressourcen, den produzierten Wohlstand, durchlässig zu machen und damit auch der wohlfahrtstaatlichen Paternalisierung ein Ende zu setzen. Die Armutsforschung vergisst bei ihrer beschreibenden und quantitativen Herangehensweise darauf, den Begriff »Armut« selbst zu problematisieren.

Zeichnet man die Soziologie der Armut nach, so haben bereits Alexis de Tocqueville und Karl Marx im Zeitalter des Pauperismus die Dialektik der Abhängigkeit von gesetzlicher Armenfürsorge erkannt. Während Tocqueville die Herausbildung eines besonderen gesellschaftlichen Status, den des minderwertigen Paupers, in den Mittelpunkt seiner Analysen rückt, ist es für Marx das industrielle Reserveheer, also die Arbeiter ohne Arbeit, die vom gesellschaftlich produzierten Mehrwert ausgeschlossen sind. Wenn sie auch die Entwicklungen der aufkommenden Arbeitsgesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven untersuchten, bestand für beide kein Zweifel daran, dass die in Elend Lebenden einen festen Teil der Gesellschaft darstellten.

Mit dem Ende des Fordismus, in dem »die Armen« eine feste, aber marginale Größe waren, besinnt man sich wieder auf den direkten Zugriff all jener, die den Anforderungen des ( neoliberalen ) Marktes offensichtlich nicht gewachsen sind. Mit perpetuierenden Floskeln, Arme lebten am »Rand der Gesellschaft«, »Draußen« oder der Debatte einer »Kultur der Armut«, nach der sich »Arme« bewusst eine subkulturelle gesellschaftliche Realität schafften, wird offenkundig, um was es geht: um die »beständige Reproduktion sozialer Ausschließung durch moralisierende Kategorisierungen und Etikettierungen« ( Cremer-Schäfer ), um die Konstituierung einer Gruppe, die nicht mehr zur Gesellschaft gehört.

Die Versuche der letzten Zeit, Armut zu definieren und ihr eine konkrete Gestalt zu geben, sei es in Form von einkommensbezogenen Armutsschwellen oder Sozialstrukturanalysen, enden mehr oder weniger alle im Vorwurf der Selbstverschuldung. Der erste Theoretiker der Moderne, der sich mit der Problematik der Zuschreibung von Armut auseinander setzte, war Georg Simmel ( 1858 – 1918 ).

In seinen Arbeiten zu »Der Arme« ist zu lesen: »Soziologisch angesehen ist nicht die Armut zuerst gegeben und daraufhin erfolgt Unterstützung – dies ist vielmehr nur das Schicksal seiner personalen Form nach –, sondern derjenige, der Unterstützung genießt […] dieser ist der Arme.« Dadurch, dass er vom Kollektiv, der Gesellschaft, unterstützt wird, erfährt er die besondere Rolle des Abhängigen. So ist für Simmel die Armut nicht nur relativ, sondern sie wird auch gesellschaftlich konstruiert und ist damit fester Bestandteil des Ganzen. Vor diesem Hintergrund stehen die Rezepte der Armutsforschung und alle politischen Beteuerungen, der Armut endlich das Handwerk zu legen, schlagartig in einem anderen Licht da.

Breite Unterstützung, die Klischees über Armut und Arme beständig zu reproduzieren, kommt von den Medien aller Couleurs. Einige Sozialwissenschaftler (z. B. Fabian Kessl) belegen deren tragende Rolle insbesondere bei der Etablierung des Konstrukts der »neuen Unterschicht«. Es reicht, ein paar der gängigen Tageszeitungen durchzublättern und man stößt mit großer Sicherheit auf einen Artikel, wo es um »Arme« geht. Am 11. März berichtete Der Standard: »Arme Menschen sterben früher. Ärztekammer und Armutskonferenz fordern Initiativen zur Armutsbekämpfung.« Der Ärztekammer-Präsident fordert darin einen besseren Zugang zu Bildung und verpflichtende Gesundheits- und Ernährungslehre, sowie eine Verdoppelung der Turnstunden. Unbewusst steigt er damit in die »Unterschichtsdebatte« ein und wirft den Betroffenen fehlende Bürgerlichkeit vor, nämlich den Mangel an Bildung und persönlicher Disziplin.

Die Konsumenten dieser Medien sind ohne Überraschung jene Bürger des Mittelstandes, die durch die Abgrenzung nach unten ihre eigene Angst vor der stigmatisierenden Deklassierung oder der »disqualifizierenden Armut« abwehren, wie Serge Paugam ( die elementaren Formen der Armut ) das neue Phänomen der kollektiven gesellschaftlichen Unsicherheit, nennt.

Für den Praktiker des Sozialen können derlei ernüchternde Befunde leicht dazu führen, die Arbeitsrealität als gesellschaftlichen Zwang zu begreifen und die Logik des herrschenden Denkens zu verinnerlichen. Wenn es keine denkbare Alternative für das eigene, vom ernüchternden Rhythmus des Fetischs Arbeit geprägte Leben gibt, muss auch das bedürftige Gegenüber einsehen, dass es selbst für die prekäre Situation verantwortlich ist und dass soziale Rechte erst verdient werden müssten.

Helga Cremer Schäfer plädiert dafür, von »personenbezogenen und Dispositionsbegriffen überhaupt Abstand zu nehmen und sich auf Situationen, situiertes Handeln bzw. Handlungsstrategien und die ihnen zugrundeliegenden Regeln zu beziehen«. Denn, so haben Studien gezeigt, haben es »Wohlfahrtsempfänger« nicht nötig, dass ihnen jemand mit dem pädagogischen Zeigefinger die Richtung angibt. Vielmehr gehört es zu den Alltagsroutinen, auch in schwierigen Situationen das eigene Leben in die Hand zu nehmen.


Zum Inhalt des Jahrbuchs 2010

Mehrere Artikel im Jahresbericht setzen die hier angerissenen Themen fort. Um von der semantischen Eindimensionalität von »Armut« Abstand zu nehmen, läutet eine Definition von Helga Cremer Schäfer am Beginn des Heftes den Diskurs ein. Zu den Beiträgen dieser Nummer

In den vergangenen Monaten haben wir zusammen mit dem Sozialpolitischen Arbeitskreis Tirol ( SPAK ) viel Arbeit in die Schadensbegrenzung des neuen Mindestsicherungsgesetzes gesteckt. Dementsprechend wurde dem Thema auch im Jahresbericht Rechnung getragen:

Aktivierender Sozialstaat:
und bist du nicht willig, dann
– beschreibt die politische Ideologie, auf deren Grundlage Sozialgesetze beschlossen werden. Die anschließende Abhandlung über Das Tiroler Mindestsicherungsgesetz gibt eine detaillierte, kenntnisreiche Übersicht zum neuen Gesetz und dessen reaktionäre Funktion.

Es ist uns gelungen, Helga Cremer-Schäfer, Sozialwissenschafterin an der Uni Frankfurt, für einen Gastbeitrag zu gewinnen, der die Rolle der Armutsforschung in der Konstruktion und der Reproduktion moralisierender Klassifikationen von »Armen« oder der »Unterschicht« untersucht.

Unternehmer in Sachen Armutsfeindlichkeit sowie die unbedachte Kritik dieser mehrfach wiederholten Geschichte beschreibt die blinden Flecken des Wohlfahrtsstaates, der weit davon entfernt ist, Armut und Unterversorgung zu beseitigen.

In Freiheit statt Arbeit argumentiert Stephan Grigat leidenschaftlich für die Abschaffung der Arbeit, die maßgeblichen Anteil daran hat, dass die Welt so ist wie sie ist. »Arbeit macht krank, Arbeit schändet, Arbeit ist Mühsal und macht hässlich«, zitiert er Karl Marx und haucht damit augenzwinkernd der Utopie unverhofftes Leben ein.

Seit geraumer Zeit orten wir in unserer Beratungsstelle eine Lücke in der niederschwelligen, befristeten Wohnversorgung für Familien mit Kindern. Wir stünden, die nötige Finanzierung vorausgesetzt, für die Umsetzung des Projektes Familiennotwohnung zur Verfügung. Der Beitrag gibt eine kompakte Zusammenfassung des Bedarfs wieder und wird durch Fallbeispiele aus der Praxis ergänzt.

Mietzinsbeihilfe in Tirol –
die Geschichte eines politischen Versprechens
fasst die Chronologie einer jahrelangen Auseinandersetzung des Arbeitskreises Wohnen, in dem auch unser Verein vertreten ist, mit den politisch Verantwortlichen aus der Landesregierung und den Gemeinden zusammen. Ziel ist und war es immer, dass Menschen mit geringem Einkommen auf eine landesweit einheitliche und von unsinnigen Hürden befreite Form des direkten Sozialtransfers zurückgreifen können. Trotz einer Einigung zwischen Land und dem Gemeindeverband bleiben erhebliche Mängel bestehen, zum Beispiel dass es nach wie vor unterschiedliche Wartezeiten zur Gewährung der Beihilfe gibt.

Die Mär von der sozialen Hängematte bereitet inhaltlich vier Fallgeschichten vor, die aus unterschiedlichen Perspektiven der Arbeitswelt entstanden. Die eindringlich beschriebenen Erfahrungen von Menschen, die von Arbeitslosigkeit, prekärer Arbeit oder von Ausbeutung betroffen sind, entbehren jeglicher moralisierenden Attitüde und räumen mit dem gängigen Vorwurf der Selbstverschuldung gehörig auf.

Wenn der klare Kopf keine gute Sache ist beschreibt, wie es um die Lebenswelt von Drogenkonsumenten in Innsbruck bestellt ist.

Kurt Bader hat uns seinen bereits in den Widersprüchen Nr. 100 veröffentlichen Artikel
Was ist kritische Sozialarbeit heute
zur Verfügung gestellt.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

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