dowas innsbruck                  
                   

jahrbuch 05

bestellen

 

 

kontakt

   
 
   

Freiheit statt ARbeit

     
     

 

   
           
           
 

Lesprobe

 

Freiheit statt Arbeit

Warum der Arbeitsfetischismus
eine Geißel der Menschheit ist

   
             
       

Von Stephan Grigat

   
             
   

 

»Und da wir einmal beim Begriff der Arbeit sind, will ich nicht unterlassen hinzuzufügen, dass heutzutage sehr viel dummes Zeug über die Würde der körperlichen Arbeit gesagt und geschrieben wird. Dabei besitzt körperliche Arbeit nichts, was notwendigerweise Würde verleiht, und ist zumindest absolut entwürdigend. [...] Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als im Dreck zu wühlen. Alle Arbeiten dieser Art sollten von Maschinen verrichtet werden. «
Oscar Wilde, Die Seele des Menschen
unterm Sozialismus (1891)


Hätte sich die Linke in den letzten 100 Jahren mehr an Oscar Wildes vorzüglichen und leider viel zu unbekannten Schrift orientiert, anstatt den Arbeitsfetischismus ihrer zumeist moralinsauren Vordenker aufzusaugen, hätte sie gewusst, dass Arbeit den Menschen nicht erfüllt, sondern fertig macht. Sie würde nicht beklagen, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht, sondern skandalisieren, dass in der bestehenden Gesellschaft solch eine ausgesprochen begrüßenswerte Entwicklung zu keiner Befreiung führt.

Was ist das für eine Welt, in welcher der technische Fortschritt systematisch neues Elend verursacht? Und was sind das für Menschen, die angesichts der Einrichtung dieser Welt nicht mit aller Leidenschaft für jenes ganz Andere streiten, das es den Individuen ermöglichen müsste, sich in Ausschweifung und Genuss, geistiger und körperlicher Hingabe, Kunst und intellektueller Selbstreflexion als Gattungswesen überhaupt erst zu konstituieren.

Es ginge darum, sich die Welt im wie auch immer widersprüchlichen Einklang mit den Mitmenschen und mit der größtmöglichen Bequemlichkeit anzueignen. Das heißt unter anderem: Abschaffung des Eigentums zum Zwecke der Verwirklichung von Freiheit.

Nicht aus Hass auf die Reichen oder gar den Reichtum, sondern auf Grund der Beschränkungen der menschlichen Entfaltung, die es zwangsläufig mit sich bringt und selbst noch den Besitzenden auferlegt. Es ginge um eine von Ausbeutung und Herrschaft befreite Gesellschaft, nicht zum Zwecke der Konstitution repressiver Kollektive oder gar einer Rückkehr zu irgendeiner vermeintlich »natürlichen« Lebensweise, sondern zur Befreiung des Individuums und zur Vollendung von Künstlichkeit.

So etwas widerspricht der »menschlichen« Natur? Schon Oscar Wilde hatte die passende Antwort auf derartige geschichtsvergessene Einwände parat: »Von der menschlichen Natur lässt sich nur eins zweifelsfrei sagen, und zwar, dass sie sich unablässig verändert.« Doch statt für die Bedingungen der Möglichkeit eines individualistischen Kommunismus zu streiten, also für eine Art produktiven Müßiggang, der das Gegenteil von auf die Dauer nur Langeweile verströmendem Nichtstun wäre, sucht man in der Schinderei der Arbeit Erfüllung und findet sie womöglich auch noch.

Arbeit macht krank, Arbeit schändet, Arbeit ist Mühsal und macht hässlich. Karl Marx wusste das und hat allen Kritikern gesellschaftlicher Elendsproduktion ins Stammbuch geschrieben: »Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.« Die sich merkwürdigerweise immer wieder auf Marx berufende Arbeiterbewegung hat die Vernutzung der Arbeitskräfte zum Zwecke der Verwertung des Kapitals hingegen zur anbetungswürdigen Selbstverwirklichung geadelt.

Das proletarische Schaffen sei gut, und der eigentliche Skandal des Kapitalismus bestünde darin, nicht jedem Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Ob Sozialdemokraten oder Bolschewisten, ob christliche Soziallehre oder faschistischer Produktivitätswahn, ob Leninisten oder Strache-Fans – sie alle konnten und können sich für die elende Parole »Die Arbeit hoch« begeistern. Anstatt sich an Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Marx zu erinnern, der das »Recht auf Faulheit« hochhielt, soll es ein »Recht auf Arbeit« sein, für das keineswegs nur am 1. Mai gestritten wird.

Hitler proklamierte in »Mein Kampf« »den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird.« Wie ernst der Führer das gemeint hatte, konnte man später über den Toren der Vernichtungslager nachlesen: »Arbeit macht frei«.

Die Linke hingegen polemisierte gegen die schmarotzenden Müßiggänger und wünschte sich »Arbeiter- und Bauernstaaten«, anstatt die Menschen vom elenden Dasein als Arbeiter und aus der »Idiotie des Landlebens« (Marx) zu befreien. Der Arbeitsfanatismus von links bis rechts sieht die ehrliche Arbeit um ihren gerechten Lohn betrogen, sei es durch die »Zinsknechtschaft« oder die keineswegs nur von der Antiglobalisierungsbewegung so inbrünstig gehassten »Spekulanten«.

Die Agitation geht gegen »die da oben«, gegen die »Bonzen und Parasiten«, die lieber konspirieren als durch anständige Arbeit etwas zum Volkswohlstand beizutragen. Die freiheitlichen Arbeitnehmer fordern hierzulande »Hackeln statt packeln«, und die Linke artikuliert ihren völlig abgehalfterten Antifaschismus in Parolen wie »Strache in die Produktion«.

Ein bekanntes Beispiel für derart arbeitsfetischistische und ressentimenthafte Vorstellungen ist die Verfilmung von George Orwells Animal Farm. Der Film von John Halas und Joy Batchelor ignoriert in seiner Stalinismuskritik nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen Gesellschaften, sondern er bleibt über weite Strecken selbst einer Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu Emanzipation und Aufklärung wird beitragen können.

Es wird nicht einfach Herrschaft kritisiert, sondern die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, trinkenden Führungselite wird im Namen des ehrlich arbeitenden, sich in Abstinenz übenden Volkes attackiert. Unterschwellig richtet sich die Kritik gegen den Luxus selbst, der doch das ganze Ziel einer ernsthaften emanzipativen Bestrebung sein müsste.

Man stößt sich, ähnlich wie in den heutigen Bewegungen der Sozialneider, nicht daran, dass nicht alle gleichermaßen am Luxus partizipieren können, sondern daran, dass es nicht allen gleich schlecht geht. Und bei solch einer Denkfigur, welche die stalinistische Vergötterung der schaffenden Arbeit in die Kritik am Stalinismus übernimmt, ist es kein Wunder, wenn das antisemitische Stereotyp zumindest in dezenter Ausprägung auch in der Verfilmung von Animal Farm nicht fehlt.

Man denke nur an die Figur des Bempel, ein auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler, der mit schlafwandlerischer Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet wurde, wie sie Antisemiten für Juden reserviert haben.

Der Hass auf das unterstellte oder tatsächliche arbeitslose Einkommen ist nicht nur eine falsche, sondern angesichts seiner Ressentimenthaftigkeit und seiner Verherrlichung des Staates eine äußerst gefährliche Antwort auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen und ungleiche Reichtumsverteilung.

Der in jedem arbeitsfetischistischen Pamphlet artikulierte Sozialneid ist das exakte Gegenteil von dringend notwendiger Sozialkritik. Helfershelfer bei der Rettung der Arbeit soll der Staat sein, der den zügellosen, nicht dingfest zu machenden Marktkräften den Betrug an der ehrlichen Arbeit unmöglich machen soll: Kein Arbeitsfetischismus ohne Staatsfetischismus.

Wird der Staat gegen den Markt in Anschlag gebracht, werden Folgen kritisiert und zugleich deren Ursache legitimiert. Es wird nicht das Kapitalverhältnis und der Staat als dessen kollektiver Organisator für die systematische Schädigung des Interesses der abhängig Beschäftigten verantwortlich gemacht, sondern der Kapitalismus wird lediglich mit immer neuen sprachlichen Zusätzen versehen: vom Turbokapitalismus-, über den Kasino- und Mafiakapitalismus bis zum Raubtierkapitalismus. Darin äußert sich moralische Empörung, aber keine Kritik, die sich zunächst einmal einen Begriff vom zu Kritisierenden bilden müsste. Und so schauen dann auch beispielsweise die Rezepte des reformistischen Flügels der Antiglobalisierungsbewegung aus, die sich in Form von Gruppierungen wie Attac als eine Art ideeller Gesamtsozialarbeiter konstituiert hat: erst wird durchaus zutreffend das Elend in der Welt beschrieben? von den drastischen Verelendungstendenzen in den Metropolen bis zum Massensterben im Trikont? doch dann fordert man nicht den Umsturz aller Verhältnisse, »in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx), sondern – eine neue Steuer.

Das zynische Achselzucken des Liberalismus, der angesichts der schlechten Einrichtung der Welt erklärt, die Menschen seien nun einmal so, und der über seine eigenen Konstitutionsbedingungen nichts wissen will, ist aber nicht viel besser als das linke Geraunze. Gegen liberale Konkurrenzverherrlichung und linken Staatsfetischismus ginge es um eine Kritik der Arbeit, die weder mit dem traditionellen Marxismus noch mit alternativen Verzichtsideologien etwas zu tun hat.

Ihr geht es nicht um eine gleichmäßige Verteilung des Elends, sondern um seine globale Abschaffung. Sie will nicht Konsumverzicht, sondern Luxus für alle. Solch eine Kritik skandalisiert, dass Luxus und Genuss den meisten Menschen vorenthalten werden, obwohl das angesichts der entwickelten menschlichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht notwendig wäre. Für diese Vorenthaltung bedarf es nicht des bösen Willens von Heuschrecken, wie die Charaktermasken des Finanzkapitals, welche die vermeintliche Würde der Arbeit beschmutzen würden, keineswegs nur in der Linken in sehr eindeutiger Tradition regelmäßig tituliert werden, sondern allein der Logik eines Systems, das sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, sondern der Verwertbarkeit des Kapitals orientiert.

Eine Kritik der Arbeit richtet sich nicht gegen das Glücksversprechen der Bürger, sondern versucht, seinen ideologischen Gehalt aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass dieses Versprechen in der bürgerlichen Gesellschaft kaum eingelöst werden kann. Solcherart Gesellschaftskritik will keinen falschen Kollektivismus oder gar Gemeinschaftssinn, sondern die verwirklichte Freiheit des Individuums, das sich über seine gesellschaftliche Konstitution bewusst ist.

Dementsprechend verachtet solch eine Kritik die Parole »Die Arbeit hoch!« und setzt dagegen die Vorstellung Theodor W. Adornos von einem befreiten gesellschaftlichen Zustand: »auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen«, was auf Dauer wohl auch nicht glücklich macht, aber immer noch eine hervorragende Medizin sowohl gegen den gesamtgesellschaftlichen Arbeitsfetischismus als auch gegen die zwar mitunter hysterischen, aber merkwürdig leidenschaftslosen Pseudoaktivitäten linker Provenienz darstellt, die immer tiefer in jenes geistige und materielle Elend hineinführen, das doch vorgeblich bekämpft werden soll.

   
   

 

 

 

   
   

 

 

top