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»Und da wir einmal beim Begriff der Arbeit sind, will ich nicht
unterlassen hinzuzufügen, dass heutzutage sehr viel dummes Zeug über
die Würde der körperlichen Arbeit gesagt und geschrieben wird.
Dabei besitzt körperliche Arbeit nichts, was notwendigerweise Würde
verleiht, und ist zumindest absolut entwürdigend. [...] Der Mensch
ist für Besseres geschaffen, als im Dreck zu wühlen. Alle Arbeiten
dieser Art sollten von Maschinen verrichtet werden. «
Oscar Wilde, Die Seele des Menschen
unterm Sozialismus (1891)
Hätte sich die Linke in den letzten
100 Jahren mehr an Oscar Wildes vorzüglichen und leider viel zu unbekannten
Schrift orientiert, anstatt den Arbeitsfetischismus ihrer zumeist moralinsauren
Vordenker aufzusaugen, hätte sie gewusst, dass Arbeit den Menschen
nicht erfüllt, sondern fertig macht. Sie würde nicht beklagen,
dass der Gesellschaft die Arbeit ausgeht, sondern skandalisieren, dass
in der bestehenden Gesellschaft solch eine ausgesprochen begrüßenswerte
Entwicklung zu keiner Befreiung führt.
Was ist das für eine Welt, in welcher
der technische Fortschritt systematisch neues Elend verursacht? Und was
sind das für Menschen, die angesichts der Einrichtung dieser Welt
nicht mit aller Leidenschaft für jenes ganz Andere streiten, das
es den Individuen ermöglichen müsste, sich in Ausschweifung
und Genuss, geistiger und körperlicher Hingabe, Kunst und intellektueller
Selbstreflexion als Gattungswesen überhaupt erst zu konstituieren.
Es ginge darum, sich die Welt im wie auch immer widersprüchlichen
Einklang mit den Mitmenschen und mit der größtmöglichen
Bequemlichkeit anzueignen. Das heißt unter anderem: Abschaffung
des Eigentums zum Zwecke der Verwirklichung von Freiheit.
Nicht aus Hass auf die Reichen oder gar den
Reichtum, sondern auf Grund der Beschränkungen der menschlichen Entfaltung,
die es zwangsläufig mit sich bringt und selbst noch den Besitzenden
auferlegt. Es ginge um eine von Ausbeutung und Herrschaft befreite Gesellschaft,
nicht zum Zwecke der Konstitution repressiver Kollektive oder gar einer
Rückkehr zu irgendeiner vermeintlich »natürlichen«
Lebensweise, sondern zur Befreiung des Individuums und zur Vollendung
von Künstlichkeit.
So etwas widerspricht der »menschlichen« Natur? Schon Oscar
Wilde hatte die passende Antwort auf derartige geschichtsvergessene Einwände
parat: »Von der menschlichen Natur lässt sich nur eins zweifelsfrei
sagen, und zwar, dass sie sich unablässig verändert.«
Doch statt für die Bedingungen der Möglichkeit eines individualistischen
Kommunismus zu streiten, also für eine Art produktiven Müßiggang,
der das Gegenteil von auf die Dauer nur Langeweile verströmendem
Nichtstun wäre, sucht man in der Schinderei der Arbeit Erfüllung
und findet sie womöglich auch noch.
Arbeit macht krank, Arbeit schändet, Arbeit
ist Mühsal und macht hässlich. Karl Marx wusste das und
hat allen Kritikern gesellschaftlicher Elendsproduktion ins Stammbuch
geschrieben: »Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo das Arbeiten,
das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt
ist, aufhört.« Die sich merkwürdigerweise immer wieder
auf Marx berufende Arbeiterbewegung hat die Vernutzung der Arbeitskräfte
zum Zwecke der Verwertung des Kapitals hingegen zur anbetungswürdigen
Selbstverwirklichung geadelt.
Das proletarische Schaffen sei gut, und der eigentliche Skandal des Kapitalismus
bestünde darin, nicht jedem Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung
zu stellen. Ob Sozialdemokraten oder Bolschewisten, ob christliche Soziallehre
oder faschistischer Produktivitätswahn, ob Leninisten oder Strache-Fans
– sie alle konnten und können sich für die elende Parole
»Die Arbeit hoch« begeistern. Anstatt sich an Paul Lafargue,
den Schwiegersohn von Marx zu erinnern, der das »Recht auf Faulheit«
hochhielt, soll es ein »Recht auf Arbeit« sein, für das
keineswegs nur am 1. Mai gestritten wird.
Hitler proklamierte in »Mein Kampf« »den Sieg des Gedankens
der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch
sein wird.« Wie ernst der Führer das gemeint hatte, konnte
man später über den Toren der Vernichtungslager nachlesen: »Arbeit
macht frei«.
Die Linke hingegen polemisierte gegen die schmarotzenden Müßiggänger
und wünschte sich »Arbeiter- und Bauernstaaten«, anstatt
die Menschen vom elenden Dasein als Arbeiter und aus der »Idiotie
des Landlebens« (Marx) zu befreien. Der Arbeitsfanatismus von links
bis rechts sieht die ehrliche Arbeit um ihren gerechten Lohn betrogen,
sei es durch die »Zinsknechtschaft« oder die keineswegs nur
von der Antiglobalisierungsbewegung so inbrünstig gehassten »Spekulanten«.
Die Agitation geht gegen »die da oben«,
gegen die »Bonzen und Parasiten«, die lieber konspirieren
als durch anständige Arbeit etwas zum Volkswohlstand beizutragen.
Die freiheitlichen Arbeitnehmer fordern hierzulande »Hackeln statt
packeln«, und die Linke artikuliert ihren völlig abgehalfterten
Antifaschismus in Parolen wie »Strache in die Produktion«.
Ein bekanntes Beispiel für derart arbeitsfetischistische und ressentimenthafte
Vorstellungen ist die Verfilmung von George Orwells Animal Farm. Der Film
von John Halas und Joy Batchelor ignoriert in seiner Stalinismuskritik
nicht nur den Stellenwert des Antisemitismus in den realsozialistischen
Gesellschaften, sondern er bleibt über weite Strecken selbst einer
Denkart verhaftet, die nie und nimmer etwas zu Emanzipation und Aufklärung
wird beitragen können.
Es wird nicht einfach Herrschaft kritisiert,
sondern die Herrschaft der dekadenten, in Luxus schwelgenden, trinkenden
Führungselite wird im Namen des ehrlich arbeitenden, sich in Abstinenz
übenden Volkes attackiert. Unterschwellig richtet sich die Kritik
gegen den Luxus selbst, der doch das ganze Ziel einer ernsthaften emanzipativen
Bestrebung sein müsste.
Man stößt sich, ähnlich wie in den heutigen Bewegungen
der Sozialneider, nicht daran, dass nicht alle gleichermaßen am
Luxus partizipieren können, sondern daran, dass es nicht allen gleich
schlecht geht. Und bei solch einer Denkfigur, welche die stalinistische
Vergötterung der schaffenden Arbeit in die Kritik am Stalinismus
übernimmt, ist es kein Wunder, wenn das antisemitische Stereotyp
zumindest in dezenter Ausprägung auch in der Verfilmung von Animal
Farm nicht fehlt.
Man denke nur an die Figur des Bempel, ein
auf das Geld fixierter, sich nicht um die Allgemeinheit scherender Händler,
der mit schlafwandlerischer Sicherheit mit einer Physiognomie ausgestattet
wurde, wie sie Antisemiten für Juden reserviert haben.
Der Hass auf das unterstellte oder tatsächliche arbeitslose Einkommen
ist nicht nur eine falsche, sondern angesichts seiner Ressentimenthaftigkeit
und seiner Verherrlichung des Staates eine äußerst gefährliche
Antwort auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen und ungleiche Reichtumsverteilung.
Der in jedem arbeitsfetischistischen Pamphlet artikulierte Sozialneid
ist das exakte Gegenteil von dringend notwendiger Sozialkritik. Helfershelfer
bei der Rettung der Arbeit soll der Staat sein, der den zügellosen,
nicht dingfest zu machenden Marktkräften den Betrug an der ehrlichen
Arbeit unmöglich machen soll: Kein Arbeitsfetischismus ohne Staatsfetischismus.
Wird der Staat gegen den Markt in Anschlag gebracht,
werden Folgen kritisiert und zugleich deren Ursache legitimiert. Es wird
nicht das Kapitalverhältnis und der Staat als dessen kollektiver
Organisator für die systematische Schädigung des Interesses
der abhängig Beschäftigten verantwortlich gemacht, sondern der
Kapitalismus wird lediglich mit immer neuen sprachlichen Zusätzen
versehen: vom Turbokapitalismus-, über den Kasino- und Mafiakapitalismus
bis zum Raubtierkapitalismus. Darin äußert sich moralische
Empörung, aber keine Kritik, die sich zunächst einmal einen
Begriff vom zu Kritisierenden bilden müsste. Und so schauen dann
auch beispielsweise die Rezepte des reformistischen Flügels der Antiglobalisierungsbewegung
aus, die sich in Form von Gruppierungen wie Attac als eine Art ideeller
Gesamtsozialarbeiter konstituiert hat: erst wird durchaus zutreffend das
Elend in der Welt beschrieben? von den drastischen Verelendungstendenzen
in den Metropolen bis zum Massensterben im Trikont? doch dann fordert
man nicht den Umsturz aller Verhältnisse, »in denen der Mensch
ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches
Wesen ist« (Marx), sondern – eine neue Steuer.
Das zynische Achselzucken des Liberalismus,
der angesichts der schlechten Einrichtung der Welt erklärt, die Menschen
seien nun einmal so, und der über seine eigenen Konstitutionsbedingungen
nichts wissen will, ist aber nicht viel besser als das linke Geraunze.
Gegen liberale Konkurrenzverherrlichung und linken Staatsfetischismus
ginge es um eine Kritik der Arbeit, die weder mit dem traditionellen Marxismus
noch mit alternativen Verzichtsideologien etwas zu tun hat.
Ihr geht es nicht um eine gleichmäßige Verteilung des Elends,
sondern um seine globale Abschaffung. Sie will nicht Konsumverzicht, sondern
Luxus für alle. Solch eine Kritik skandalisiert, dass Luxus und Genuss
den meisten Menschen vorenthalten werden, obwohl das angesichts der entwickelten
menschlichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht notwendig wäre.
Für diese Vorenthaltung bedarf es nicht des bösen Willens von
Heuschrecken, wie die Charaktermasken des Finanzkapitals, welche
die vermeintliche Würde der Arbeit beschmutzen würden, keineswegs
nur in der Linken in sehr eindeutiger Tradition regelmäßig
tituliert werden, sondern allein der Logik eines Systems, das sich nicht
an den Bedürfnissen der Menschen, sondern der Verwertbarkeit des
Kapitals orientiert.
Eine Kritik der Arbeit richtet sich nicht
gegen das Glücksversprechen der Bürger, sondern versucht, seinen
ideologischen Gehalt aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass dieses Versprechen
in der bürgerlichen Gesellschaft kaum eingelöst werden kann.
Solcherart Gesellschaftskritik will keinen falschen Kollektivismus oder
gar Gemeinschaftssinn, sondern die verwirklichte Freiheit des Individuums,
das sich über seine gesellschaftliche Konstitution bewusst ist.
Dementsprechend verachtet solch eine Kritik die Parole »Die Arbeit
hoch!« und setzt dagegen die Vorstellung Theodor W. Adornos von
einem befreiten gesellschaftlichen Zustand: »auf dem Wasser liegen
und friedlich in den Himmel schauen«, was auf Dauer wohl auch nicht
glücklich macht, aber immer noch eine hervorragende Medizin sowohl
gegen den gesamtgesellschaftlichen Arbeitsfetischismus als auch gegen
die zwar mitunter hysterischen, aber merkwürdig leidenschaftslosen
Pseudoaktivitäten linker Provenienz darstellt, die immer tiefer in
jenes geistige und materielle Elend hineinführen, das doch vorgeblich
bekämpft werden soll.
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