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Armutsfeindlichkeit

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Leseprobe

 

Unternehmer in Sachen Armutsfeindlichkeit

Sowie die unbedachte Kritik dieser
mehrfach wiederholten Geschichte

   
           
     

Von Helga Cremer-Schäfer

   
           
 

 

»Wie gesagt: Die Jungen sind reizbar, nervös, erregbar, die Älteren hohlköpfig, stumpf und blöde. Es ist absurd zu meinen, dass sie mit den Arbeitern der Neuen Welt konkurrieren können. Verroht, verspottet, abgestumpft werden die Menschen des Gettos England keinen Dienst erweisen können, wenn es mit den anderen Nationen der Welt in einen Kampf um die industrielle Vorherrschaft tritt, der nach Worten der Wirtschaftswissenschaftler schon begonnen hat. Weder als Arbeiter noch als Soldaten werden sie den Anforderungen gerecht, wenn England sie in Zeiten der Not aufruft. Und wenn England aus dem industriellen Wettstreit der Welt ausscheidet, dann werden sie wegsterben wie die Fliegen am Sommerende. Oder aber die Verzweiflung packt sie und macht sie zu wilden Tieren, die rächend und verheerend ins West End eindringen. In diesem Fall werden sie von der modernen Kriegsmaschinerie schneller und sauberer vernichtet.«
Jack London, Im Getto ( 1903 )

Rückblick 1 1903: Arme ohne Wohlfahrtspolitik

Der Schriftsteller Jack London prangerte mit seiner »schwarzen Reportage« über das East End Londons die »wirtschaftliche Vorherrschaft einer Klasse« öffentlich an. Er warnt die private Markt-Herrschaft und die Staatsmacht, die Arbeitskraft der Armen ungenutzt zu lassen; brachliegend würden die »Menschen des Gettos« schwach oder gefährlich. Wir werden seine Charakterisierung der Armen (reizbar, nervös, erregbar, hohlköpfig, stumpf, blöde oder aber verzweifelt und wie wilde Tiere) wohl nicht als Ausdruck einer Feindbildkonstruktion beurteilen, sondern als eine Darstellung und Spiegelung der herrschen Armutsfeindlichkeit interpretieren.

Die Etiketten »wuchernde Rohheit und Sittenlosigkeit«, »entartetes Geschlecht« sowie die Beurteilung des »Volks auf der Straße« als eine »neue Rasse« werden ausgesprochen, um das Verkehrte und Widersprüchliche der Welt zu kennzeichnen. Jack London spielt den »warnenden Berater« der wirtschaftlich und politisch »vorherrschenden Klassen«.

Sie sollen den Armen im Interesse der Macht ihren Anteil gewähren, um damit gleichzeitig mehr »Humankapital« zu gewinnen. (London war genauer und sprach von »Arbeitern und Soldaten, die Anforderungen gerecht werden«). Doch tun »herrschende Klassen« nur in bestimmten Phasen das, was ein verallgemeinerbares Interesse genannt werden kann: schonend mit der Arbeitskraft umzugehen und in ihre tägliche und soziale Wiederherstellung investieren.

Immerhin bedurfte es im »kurzen« 20. Jahrhundert eines erhöhten Aufwandes, arme Leute symbolisch und faktisch wieder in eine gesellschaftliche Position des »Draußen im Drinnen« zu bringen. Mit der Metapher des »Draußen im Drinnen« bezeichnete Georg Simmel 1908 die gesellschaftliche Position, in der der »Moderne Arme« systematisch durch die moderne, von Zugehörigkeit ausgehende Armenpflege gebracht wird.

Das »Getto« oder das Leben »am Rand« weisen uns seit langer Zeit auf diese merkwürde Form einer »negativen Vergesellschaftung« hin, die entgegen landläufiger Vorstellungen auch der wohlfahrtstaatlichen Armutspolitik zugrunde liegt.

In Bezug auf den herrschenden Umgang mit armen Leuten hat sich in dem kurzen 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Herausbildung und Verstaatlichung der »Wohlfahrt« auch die Relation zu den Armen verändert. Während der Phase des »fordistischen« Kapitalismus wurde die Sozialpolitik als Investition in eine qualifizierte Lohnarbeitskraft organisiert und die Arbeitskraft auch als Konsumkraft entdeckt, genutzt und abgesichert. Die ideologische Benutzung institutionalisierter Daseinsvorsorge, gesellschaftliche »Außenseiter« und arme Leute sozial und moralisch zu diskreditieren, erschien als »überflüssige Herrschaft«.

Die Existenz und die Existenzbedingungen der sogenannten »Randgruppen« oder gar »Unterprivilegierten« (wie in einem SPIEGEL-Buch getitelt wurde) widersprach allzu offensichtlich dem Wohlstands- und Integrationsversprechen der »sozialen Marktwirtschaft« der 1960er und 1970er Jahre. Ebenso die Instrumentalisierung öffentlicher und privater Fürsorge für die Darstellung herrschender Arbeitsmoral: Am »Bedürftigen« wurde wie an der Figur des Delinquenten, Auffälligen oder Verwahrlosten allzu drastisch demonstriert, wohin es führt, wenn man nicht diszipliniert lebt und arbeitet: Nämlich in die geschlossene Anstalt, in die Notunterkünfte »am Rand«, in das »Getto ohne Mauern« (Hess/Mechler 1972).

Trotz der ( bereits »globalen« ) Skandalisierung von Armut in der »affluent society« wurden die Prinzipien des Umgangs mit dem Armen nirgendwo so grundlegend verändert, dass nicht immer wieder die Kategorie der »unwürdigen Armen« erzeugt und gebraucht wurde, denen »zu Recht« die für ihr Leben notwendigen Mittel verweigert werden konnten.

Die »nondeserving poor« früher bürgerlicher Stadtgesellschaften gleichen den »Verwahrlosten« und »Randständigen« der 1960er und 1970er Jahre ebenso wie jene dem heutigen »White Trash«, der »Welfare Queen« oder der »Underclass«. Hier und heute wird mit dem Reden über die mehr oder weniger neue »Unterschicht« oder diejenigen »Ausgeschlossenen, die sich den Spielregeln des modernen Staates verweigern« (Bude 2008), oder einfach mit der Rede über »Hartz IV« versucht, die Kategorie von »unwürdigen Armen« als eine selbstverständliche Tatsache zu etablieren.

Dass »unwürdige Arme« seit ihrer Erfindung als ein soziales Artefakt zu verstehen sind – dieses Wissen wird aktiv in Vergessenheit gebracht. Leute, denen die Mittel und Ressourcen fehlen, sich in einer gegebenen Produktionsweise nach Prinzipien ihrer moralischen Ökonomie zu reproduzieren, werden so behandelt, als ob sie an ihrer Mittellosigkeit und Hilflosigkeit selbst schuld wären, oder so, als ob sie, wenn sie nach Regeln einer historisch variablen moralischen Ökonomie leben wollen, viel mehr beanspruchen und viel mehr bekommen, als ihnen nach Marktprinzipien und übergeordneten »Standortinteressen« zusteht.

In der Perspektive der Verwalter, Betreiber und Nutznießer von Armut kann »Sozialhilfeabhängigkeit« (und »Staatsabhängigkeit«) weder gut für »sie« noch für »uns« sein, da »Essen ohne zu arbeiten« und »Leben ohne zu leisten« die ganze Verdienstordnung und die Leistungsgerechtigkeit gefährden.

Die Kritik an dieser banalen Propaganda, die die Welt in das aus der Xenophobie und Fremdenfeindlichkeit bekannte Schema von »Wir und Sie« bringt, ist notwendig. Die Formen und die Argumente, die im öffentlichen Diskurs gebraucht werden, enthalten nicht zu wenige Skandalisierungsfallen.

Argumente, die politisch z. B. für die Verteidigung des vergangenen Sozialstaats oder das Einklagen von mehr desselben angeführt werden, tun so, als ob wir je eine Sozialpolitik und soziale Infrastruktur gehabt hätten, die vom Zwang zur Lohnarbeit und der Lebenslaufdisziplin gelöst worden wäre; als ob wir je eine Sozialpolitik und soziale Infrastruktur gehabt hätten, die nicht als »rechtmäßig« und daher per definitionem »menschenwürdig« durchsetzbar waren. Wir könnten schon wissen, dass es zur Logik bisheriger und wahrscheinlich zukünftiger Sozialpolitik gehört, eine Gruppe von mittellosen Leuten zu »unwürdigen Armen« zu erklären.

Vielleicht hilft Selbstaufklärung der Wissensproduzenten mehr als die Wiederholung der schon Jack London sattsam bekannten Drohung mit den »sozial Schwachen« oder bald »gefährlichen« Armen, um an der Konstruktion der »unwürdigen Armen« und dem Unternehmen in Sache Armutsfeindlichkeit weniger als bisher mitzuarbeiten. Wenigstens weniger. Selbstaufklärung könnte ihr Wissen aus Gegenwart und Geschichte beziehen: wer wann wie an den immer wiederkehrenden Konjunkturen der Konstruktion von »unwürdigen Armen« mitwirkt(e), gegen die dann etwas zu unternehmen war.

Ich will mich auf zwei Punkte beschränken, die leicht übersehen werden. Zunächst wird die Grundlage von Armutsfeindlichkeit in der Struktur der modernen, wohlfahrtsstaatlich organisierten »Daseinsvorsorge« verortet. Danach werden Verdoppelungen institutioneller Grenzziehungen durch wissenschaftliches Wissen über die Armen untersucht. Ich wähle die Form des »Rückblicks«, um zu verdeutlichen, dass wir über ein fundiertes Wissen verfügen, was wir in einem ersten (Fort)Schritt unterlassen können.

Rückblick 2 1908: Das moderne Armenwesen
und die negative Vergesellschaftung des Armen

Es ist nun schon recht lange her, aber mit der Entscheidung, im Armen keine verachtenswerte oder zu bemitleidende Person zu sehen, hat Georg Simmel zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen entscheidenden Fortschritt im Reden und Denken über arme Leute erzielt. Simmel befragt das moderne bürokratisch organisierte, doch noch nicht »wohlfahrtsstaatlich« zu nennende »Armenwesen«, welche gesellschaftliche Position und Situation es für arme Leute institutionalisiert, deren Zugehörigkeit nicht aufgekündigt werden konnte.

Vorläufig will ich das Wort »arm« auf Leute anwenden, die ohne die Mittel leben müssen, die sie bräuchten, um ihr Arbeitsvermögen zu erhalten, um sich als Arbeitskraft in einer konkreten Gesellschaft zu reproduzieren sowie sich von überflüssiger Beherrschung (durch wen und was auch immer) zu befreien.

Das ist eine ziemlich offene Definition, aber im sozialen Sinn wesentlich genauer und nicht so reduzierend wie zum Beispiel die politische Definition, dass arm der ist, der nicht über die Mittel verfügt, die für ein Leben notwendig seien, das der Würde des Menschen entsprechen würde. Diese Definition sichert die Kontinuität der »Politik mit der Armut«.

Georg Simmel folgte so wenig wie Jack London den sozialpathologischen Sozialreportagen, die nach der Jahrhundertwende »Armut« als soziale Lage des Elends und die »Armen« durch ihre (mehr oder weniger elenden) Eigenschaften beschrieben. »1908« symbolisiert den Vorabend der Institutionalisierung eines patriarchalen Wohlfahrtsstaates; staatlich verwaltete Wohlfahrt blieb bis heute eine ambivalente »Errungenschaft« für die Leute, sich in Situationen der sozialen Ausschließung eine Existenz zu sichern.

Simmel nimmt das Verhältnis von Institution und den mittelosen Leuten in den Blick, denen prinzipiell eine Zugehörigkeit nicht mehr abgesprochen werden konnte. »Den Armen« gibt es also keineswegs »schon immer«, sondern erst in Gesellschaften, die Grenzen ziehen, »Mitglieder« und »Fremde« bestimmen und die sich so begreifen, als ob sie auf einem »Vertragsverhältnis« beruhen, das sie durch eine Bürokratie verwalten und organisieren.

Wer als Mitglied anerkannt ist, der kann gegenüber der Gesellschaft Rechte geltend machen: Hier das Recht eines Mitgliedes auf »Dasein«, auf »Existenz«– dem aber auch Pflichten und Gegenleistungen entsprechen. Einem Mitglied muss das Dasein gesichert werden. In einer frühen und sehr scharfsichtigen Analyse der »modernen Armenpflege« hat Simmel an der Position und dem Umgang mit »dem Armen« eine spezifische soziale »Wechselwirkung« festgestellt, die sich aus Rechten ergibt. Insofern das Dasein ( und nur das ) aus einem übergeordneten Zweck gesichert wird, wird zur Begrenzung von individuellen Ansprüchen und mannigfaltigen Bedürfnissen eine neue Grenze gezogen: Minimum und Maximum fallen in eins.

Der Arme kann nur genau das bekommen, was ihn ( und sie ) an den sozialen Rand bringt. Jede andere Position muss verdient werden. Durch die Entscheidung, aus anderen Zwecken als den individuellen der Existenz und Partizipation sowie der Befreiung von Zwängen dem Armen genau das Dasein zu sichern, nicht mehr und nicht weniger, entsteht »eine Einheit durch Negation«.

Dem Armen steht die Position »am Rand« zu, und die moderne Armenpflege wird so organisiert, dass dieser Ort erhalten bleibt und die Armen genau dort bleiben. Um diesen Ort zu benennen, behalf Georg Simmel sich mit der Metapher des »Draußen im Drinnen«. Mit unserem Topos vom »Drinnen oder Draußen« verdecken wir also seit mindestens einem Jahrhundert die Wirklichkeit dieser sozialen Positionierung. Darüber hinaus geht uns auch der Blick dafür verloren, das Integration und Ausschließung keine Gegensätze bilden, sondern jeder Zusammenschluss auf mehr oder weniger engen Grenzziehungen beruht und »Grenzgänger« stets modernisierte Foren der Ausschließung treffen.

Rückblick 3 1992 und früher:
Armut im modernen Wohlfahrtsstaat

Zum Ende des recht kurzen 20. Jahrhunderts und nach verschiedenen Kämpfen um die politische und wissenschaftliche Thematisierung von »Armut« erinnerte ein prominenter Konflikttheoretiker, Lewis Coser, uns daran was, eine Soziologie der Armut im Gedächtnis behalten müsse: Die Erfahrung von armen Leuten im mehr oder minder »ausgebauten« Wohlfahrtsstaat. Diese Erfahrung beinhaltet: »Hilfe zu erhalten, heißt stigmatisiert zu werden und aus dem Kreis rechtschaffener Bürger entfernt zu werden.« (Coser 1992, S. 40)

Wir brauchen uns vielleicht nicht zu sehr darüber wundern, dass Verweise auf Konflikte und Widersprüche von Hilfe politisch und durch Professionen gerne verschwiegen bleiben. Wissenschaft kann es sich aber nicht so einfach machen, da sie über mehr Ressourcen verfügt, die Perspektive »von unten« zur Sprache zu bringen.

Aus dieser Perspektive bestehen die »sozialen Folgen von Armut« keineswegs in der sozialen Inkompetenz der Leute. Die umfassende »Statusdegradierungszeremonie« von Hilfeempfängern ist die Folge von Armut.

Die Bedingungen für den Erfolg einer solchen sozialmoralischen Degradierungszeremonie hatte bereits Harold Garfinkel 1956 dargelegt; Coser interessieren vor allem die Folgen für Leute, die Hilfen benötigen und sich in einer Situation befinden, in der Hilfe bedingungslos gebraucht wird. Wir würden das heute als Prinzip von Sorge fassen: als »something for nothing«. Beobachtungen des Hilfeprozesses zeigen gleichsam »überhistorisch« eine Statusdegradierung. Damit verändert sich die »öffentliche Identität« einer Person.

Es wird der Eindruck erweckt, diese Identität gehöre zu einem »niedrigeren« Ort in der Gesellschaft. An diesem Ort werden die Leute versammelt, die nach der Beurteilung der Anderen als Person »selber keine Leistung erbringen können« und daher charakterisiert werden durch die »Unfähigkeit, einen eigenen Beitrag zu leisten«.

Anerkennung von Hilfebedürftigkeit setzt nicht nur eine soziale Herabwürdigung voraus, soziale Hilfen werden auch nur unter der Bedingung gegeben, dass die Empfänger sich schnellstens selbst helfen. Ob der sozial verachtete Status eines Hilfeempfängers im Rahmen von bürokratisierter und professionalisierter Hilfesysteme abzuschaffen wäre? Nach allem, was wir über Wohlfahrtspolitik von oben wissen, ist nur theoretischer Pessimismus angemessen.

Was heute am neoliberalen Wohlfahrtsstaat mit dem Begriff der Exklusion und der Sozialen Ausschließung kritisiert wird, war auch Bestandteil des »fordistischen Wohlfahrtsstaates«.

Jede uns bisher bekannte »Daseinsvorsorge« durch ein »letztes Sicherungsnetz« für die Mittellosen, Delinquenten, Unvernünftigen, Fremden stellt (e) die Person in den Vordergrund, aber nicht als Individuum und Subjekt, sondern als Objekt von Prüfung, Kontrolle, von interner Separierung und symbolischer Ausschließung: Für ein Dasein des Bedürftigen, der Armen und sozial Schwachen, der Delinquenten, der Unvernünftigen, der Dummen und auch der unwillkommenen Fremden wird gesorgt – genau bis zu der Grenze, die für notwendig und legitim gehalten wird, um darzustellen, wohin es führt, wenn man nicht brauchbar, nicht diszipliniert, nicht arbeitswillig ist oder sich nicht dazu verhelfen lässt. Selbst wenn die Überfrachtung der Existenzsicherung mit ideologischen Manövern kaum revidierbar scheint, kann man schon überlegen, an welchen Stellen wir, ganz ohne Nachteile, uns nicht daran zu beteiligen brauchen. Wenigstens.

Dass »der sozial verachtete Status des Hilfeempfängers als solcher abgeschafft wird«, hielt Coser (1992, S. 45) für einen »utopischen« Vorschlag. Aber wie das mit Utopien so ist, sie können das Denken in Bewegung bringen. In der Geschichte der Armutsforschung lassen sich allerdings nur selten Selbstaufklärungen über den sozial degradierenden Gehalt von Armutstheorien beobachten; und ihre »Empirie«, die inzwischen unzähligen Forschungen über Defizite und Unfähigkeiten der Armen werden noch weniger zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht.

Pauper oder Pöbel? Lumpenproletariat oder Lazarusschicht? Verwahrloste oder Randständige? Urban Poor oder Underclass? Unterprivilegierte oder vielfach Benachteiligte? Neue Unterschicht und Überflüssige oder Marginalisierte und fortgeschrittene Marginalisierung?

Die Gegensatzpaare zeigen die Geschichte des Konfliktes um degradierende Begriffe der Armutsforschung und dass Selbstaufklärung der Wissenschaft der Hausarbeit ähnelt: Sie muss immer wieder von Neuem getan werden, kann aber auch auf Erfahrungen aufbauen. Die folgenden Rückblicke zeigen, dass im Denken, anders als in der Politik, »der sozial verachtete Status des Hilfeempfängers als solcher abgeschafft« werden kann.

Rückblick 4 Die Reflexivität(-sdefizite) der Armutsforschung

Die derzeit wohl prominenteste Kategorisierung für Leute, deren Zugehörigkeit in Frage gestellt wird, ist die der »underclass« oder, neudeutsch, die »Neue Unterschicht«; wenn nicht gleich von »Hartz IV-Empfängern« die Rede ist. Die Erfindung und Etablierung der feindseligen Rede über »the underclass« als die aktuellen »unwürdigen Armen« ist ungewöhnlich gut dokumentiert und als Begleitmusik des Workfare-Regimes analysiert.

Um hierzulande durch Forschungen über marktförmige oder sozialpolitische Ausschließungsprozesse und deren Bearbeitung durch die Leute keine gegen sie instrumentalisierbaren Kategorien zu liefern, ist es hilfreich, auf den reflexiven Teil dieser Wissenschaft zu sehen. Als »reflexiv« will ich die Sozialwissenschaft bezeichnen, die beobachtet und analysiert, was mit ihren Begriffen und Theorien gemacht wird und gemacht werden kann.

Das bevorzugte Beispiel für die Umwandlung von politik- und kapitalismuskritischen Begriffen in Kategorisierungen, die die Personen sozial diskreditieren, ist das Theorem der »culture of poverty« von Oscar Lewis (1963, 1971). Seine Studien und Beschreibungen des Lebensstils der puertoricanischen Armen setzte den Etiketten und der Theorie der »selbstverschuldeten Armut« ein kompliziertes, strukturbezogenes und kapitalismuskritisches Erklärungsmodell einer »Subkultur« entgegen.

Doch Lewis selbst entwickelt durch sein Erklärungsmodell für dauerhafte Armut eine arme Leute stigmatisierende Kennzeichnung. War die »Kultur der Armut« zuerst ein Einstieg, den Sinn der Lebensweise von Armen als kollektive, subkulturell gestützte Bewältigungsstrategien zu verstehen, so hat die Konzeption einer durch die Adaptionen entstandenen, gleichsam »armen« Kultur sich die Tür zu einer neuen Defizitperspektive geöffnet. Aus der »Kultur der Armut« als eine Benennung für kollektiv und subkulturell abgestützte Bewältigungsstrategien entstand ein normatives Konzept von Kultur.

»Kultur« werden nur noch jene Praktiken und Situationsdeutungen bzw. Werte und Normen genannt, die der disziplinierten Lebensweise entsprechen und den Ausstieg aus Armut sowie den sozialen Aufstieg versprechen.

Michael B. Katz leitet seine Rekonstruktion der Geschichte der amerikanischen Armutspolitik sowie der Geschichte von Forschungen und Theorien mit den Sätzen ein: »Most of the writing about poor people, even sympathetic observers, tells us that they are different, truly strangers in our midst: poor people think, feel, and act in a way unlike middle-class Americans. « (Katz 1989, S. 6f).

Der Epilog des Buches wiederholt die Feststellung, dass in der Dichotomie von »Wir und Sie « gedacht wird, die Grenzen des »Wir« mögen erweitert werden – es bleibt immer die Kategorie derer erhalten, die anders sind als wir. »We can think about poor people as »them« or as »us«. For most parts, Americans have talked about »them «. Even in the language of social science, as well as in ordinary conversation and political rhetoric, poor people usually remain outsiders, strangers to be pitied or despised, helped or punished, ignored or studied.« (Ebenda, S. 236)

Das Irritierende der Rekonstruktion und Kritik der »Underclass« Debate liegt darin, dass die Kontinuität des Vokabulars von »us and them«, die Individualisierung von Armut und die Moralisierung der Armen sich ab den 1980er Jahren nicht gegen und trotz »liberaler« Theorien und Politikanleitung in den 1960ern und 1970ern durchgesetzt haben, sondern mit und wegen ihnen. Konzepte und Denkweisen, die das Image der »selbstverschuldeten Armut« entkräften sollten, waren nützliche Teilstücke, die neuen »Undeserving Poor« zu bestimmen.

Die armutsfeindliche Verwendung des von Gunnar Myrdal eingeführten Begriffs der »under-class« wird, anders als bei der »culture of poverty« von Oskar Lewis, als eine Besetzung und Umdefinition des Begriffs von außen durch »Mainstream-Medien« und deren Top-Journalisten beschrieben (Gans 1995). In der Öffentlichkeit der »Mainstream-Medien« wurde unter der Etikette Underclass-Geschichten (besser: Legenden) über »die« Fürsorgeempfänger erzählt, über deren Abhängigkeit von der Wohlfahrt, über ihre Verwahrlosung, Delinquenz und Kriminalität als Lebensweise. »Underclass« wurde als Verhaltens- und Personendiagnose etabliert; ein diskreditierendes »Label«, das die Workfare-Politik als notwendig legitimierte.

Über die 1980er und den Beginn der 1990er Jahre können wir nachlesen, dass Forschungen und Berichte über »Armut« sich kaum verkaufen ließen, Forschungen über »die Underclass« aber sehr wohl finanziert wurden. Was Wissenschaft veranlasst, in die »Underclass« Debate einzusteigen? Die wichtigsten Elemente der zwischen Medien, dem Feld der Wissenschaft und der Politik stattfindenden Debatte, die »underclass« vollends in ein armutsfeindliches Etikett und ein Ausschluss- sowie Kontrollwissen verwandelte, waren: Die Ersetzung von Darstellungen struktureller Dimension und relationaler Phänomene durch »Kultur«.

Die Durchsetzung eines Verständnisses von »Kultur« als eine eigene Entität, die sich aus Prinzipien, Einstellungen, Verhaltensmustern zusammensetzt. Kultur als Entität prägt – je nach soziologischem Theoriemodell – entweder Akteuren einen »Lebensstil« auf oder diese übernehmen handlungsprägende »Wertorientierungen und Normen«, kurz »Moral« genannt, oder sie entwickeln einen spezifischen »Sozialcharakter« oder sie eignen sich den »Habitus« des Milieus an. Alle Aspekte halten Akteure in der Armut »gefangen«.

Nicht alle, doch die meisten erklären Menschen zu einem »heteronomen Subjekt« bzw. zu einem »Reaktionsdeppen«; damit bleiben Theorie und das Verstehen von Widersprüchen und Dynamiken der Auseinandersetzung mit Formen der Subordination bzw. der sozialen Schließung und Ausschließung auf der Strecke.

Die Verbreitung von binären, aufspaltenden Kategorien, die eine moralische Klassifikation und Hierarchie innerhalb der Armutsbevölkerung ermöglichen, wird fortentwickelt. Die »passiven Armen« (und dauerhaft Sozialhilfeabhängigen), die »feindseligen Armen« (denen Straßenkriminalität, Gewalt- und Drogenkriminalität zugerechnet wurde), »solche Leute«, die sich mittels einer Untergrundökonomie »durchlavieren«, oder »ausgebrannte« Leute ( wie Alkoholiker oder Obdachlose aller Art ) zeigen an, dass es unter den gleichen Lebensbedingungen noch Leute gibt, die »Uns« noch ähnlich sind, die etwas können, etwas zu geben haben und ihre Aufstiegschance wohl wahrnehmen können.

Das Kriterium für eine Zurechnung von Personen zur Underclass war weder die Position in der Sozialstruktur noch eine Frage der Verfügung über Einkommen und Ressourcen. Mitglieder der Underclass wurden über ihr ( abweichendes) Verhalten oder einen nicht der Norm(alität) entsprechenden Lebensstil identifiziert: Teenager, die schwanger werden, gehören in die Underclass, Familien, denen eine (junge) Frau vorsteht, Schulversager, Leute, die Fürsorgeleistungen einkalkulieren, solche, die eine extreme Gegenwartsorientierung zeigen, jedoch keine Bereitschaft, Pflichten zu übernehmen, Bildungsaspirationen nachzugehen und zu arbeiten. Die Zurechnung zur Underclass erfolgt nach etwas, das man ein »soziales Profil« nennen könnte. Es folgt dem gleichen Muster wie die Zuschreibung z. B. von »Kriminalität«.

Ein weiteres Kriterium entsteht durch die Assoziation von abweichendem, unmoralisch-gefährlichem Verhalten und Lebensstil mit einer ausgesuchten Gruppe, in der Underclass-Debate mit der Gettobevölkerung, insbesondere den schwarzen, arbeitslosen jungen Männern.

Im Vergleich zu der kritisierten »Underclass« Debate erscheinen die europäischen Begriffe, Forschungsperspektiven und Methoden der Armutsforschung nahezu vorbildlich. Hierzulande wird seit den 1970er Jahren der Armutsbegriff benutzt, wenn auch mit diversen Assoziationen. Wir hatten und haben es mit einer je »Neuen Armut« zu tun.

Dieser Begriff wurde zur Diskreditierung der wohlfahrtsstaatlichen Regulation und im Kontext eines frühen konservativen Umbaus des Sozialstaats von Heiner Geisler eingeführt. Die Herkunft aus der Ideologiepolitik scheint dadurch geheilt, dass Armutsforschung sich als eine Empirie und Beschreibung der Ungleichverteilung von Einkommen und der Unterversorgung verstanden und entwickelt hat. Es werden nicht die Armen und ihr Verhalten problematisiert, sondern Armutsquoten und Strukturen berichtet und als Ergebnis von politischen und ökonomischen Strategien analysiert bzw. auf Lücken wohlfahrtsstaatlicher Absicherung bei Arbeitslosigkeit, auf Prekarisierung der Arbeits- und Einkommensverhältnisse sowie auf städtische Segregationspolitik zurückgeführt.

Das Format der Sozialberichterstattung ist gegenüber »Schuldzuschreibungen« und der Zuweisung eines sozial verachteten Status an die Armutsbevölkerung sperrig. Die Armutsforscher und die ihnen verbundenen Wohlfahrtsorganisationen stellen ein Moment der Ungleichzeitigkeit dar. Sie verteidigen die Logik des Keynesianismus und einen idealisierten Wohlfahrtsstaat, den wir nie hatten.

Die Armutsforschung hat in den beiden bisher vorgelegten Armutsberichten der Bundesregierung sich gewissermaßen ein eigenes Dokument geschaffen, sodass auf viele einzelne Autoren hier verzichtet werden kann (vgl. »Lebenslagen in Deutschland« 2005 und den aktuellen Überblick von Alisch 2008). Armutsforscher agieren als Anwälte und Verteidiger des Sozialstaates und sie beschränken sich auf »nüchterne Zahlen«.

Eine Obsession, sich mit den durch den Wohlfahrtsstaat verursachten »Demoralisierungen« der Armen zu beschäftigen sowie mit einer erodierenden »Arbeitsmotivation«, der Auflösung der Familie und dem »Sozialhilfebetrug«, fehlt dieser Form von Armutsforschung weitgehend. Sie hält sich durch Arbeitsteilung zwischen den Wissenschaftsdisziplinen auf der sicheren Seite einer soziologischen »strukturellen« Betrachtung. Doch gearbeitet wird bei Skandalisierungen der Sozialpolitik vorzugsweise mit den »deserving poor«; das sind die Alten, die Frauen, die arbeitenden Armen, die arbeitsbereiten Arbeitslosen, die Familien, die Kinder.

Die Arbeitsteilung zwischen den Wissenschaften ermöglicht dann jedoch bei der Diskussion der »Folgen von Armut«, die Leute zu »prägen« scheinen, den ungehinderten Einzug einer sozialpathologischen Perspektive. Und das heißt einer Forschung, die die drohenden Defizite und Mängel der Armen ausmalt. Jack London müsste nur seine Worte »reizbar, nervös, erregbar, die Älteren hohlköpfig, stumpf und blöde, verroht, verspottet, abgestumpft« modernisieren.

Erklärungen von Defekten der Person aus den Strukturen sind nicht nur bei armen Leuten nur um den Preis eines ziemlich unterkomplexen Prägungsdenkens zu haben. Akteure, eigensinnige und widerständige Subjekte haben darin keinen Platz. Die Struktur dieser »dualen Armutsforschung« ( Butterwegge et al. 2003 ) und das ihr zugrundeliegende, schematische Denken in »Makro-Mikro-Makro-Ebenen« sind gegen eine Verwendung in und für armutsfeindliche Diskurse ziemlich ungeschützt. Erzeugt wird der Status des »inkompetenten Armen«, von dem ohne »Aktivierung von oben« keine Leistung zu erwarten ist. Das Bild von »inkompetenten Armen« und der Beurteilungscode »Stärke vs. Schwäche« einer Person wird besonders unauffällig durch die Diskussion um »Kinderarmut« gefördert. (Vgl. Cremer-Schäfer 2004)

»Am Rand« der Armutsforschung wurden immer wieder Ausnahmen festgestellt, die in Verwandtschaft zu dem Modell der Sozialgeschichtsschreibung »von unten« die Mitarbeit an der Produktion der »unwürdigen Armen« kontrollieren. Dazu gehören historische Forschungen über die Arme-Leute-Bewegungen (z. B. Piven/Cloward 1986/1977), Armutsethnographien ( Hess/Mechler 1973, Preußer 1989 ), die Subkulturforschung und Forschungen zum »Unterleben« in geschlossenen Anstalten (Goffman 1972), schließlich gehört auch das Genre der umfangreichen Lesebücher über »das ganz alltägliche Elend« und die »Gesellschaft mit beschränkter Haftung« dazu, die im Anschluss an das »Das Elend der Welt« von Bourdieu et al. verfasst wurden.

Armutsethnographien bilden einen Kern von Forschungen, die ein Gegenbild von armen Leuten und niederen Klassen zeichnen: als findige, kluge, listige, aktive, duldsame, hart arbeitende, leidende, strategische, sorgende und verantwortungsvolle Menschen. Selbst »unternehmerische Züge« wurden und werden bei armen Leuten entdeckt.

Dort, wo Armutsforschung als Erkundung kultureller Praktiken verstanden wird, finden wir zumindest eine »doppelte Beschreibung«: Kulturelle Produktionen und der Erfindungsreichtum bzw. die Kompetenzen und Potenziale der Armen stehen gleichgewichtig neben ihrer »Miserabilität«.

Doch auch Ethnographien, denen ein sympathisierendes Arbeitsbündnis mit »Beforschten« zugrunde liegt ( ebd. ), setzen sich immer wieder Grenzen, mit ihren Forschungen einen sozial verachteten Status aus ihren Forschungen zu tilgen. In der aus Erfahrungen mit »Randgruppen« entstandenen Ethnographie von Norbert Preußer (1989) ist nicht nur der Topos »Not macht erfinderisch« zu lesen, sondern, wenn auch als verkürzte Benennung der Leiden, der Ressourcenlosigkeit und der sozialen Entblößung: »Hunger macht skrupellos.« Die Versuche, gegen Underclass Debate und »Neue Unterschicht« die Ehrenhaftigkeit von arbeitenden und disziplinierten Armen öffentlich zur Sprache zu bringen, befinden sich insofern in einem Dilemma, als ihnen wie im Hase-Igel-Spiel immer wieder die »Passiven«, die »Ausgebrannten« und die »Gefährlichen« vorgehalten werden. Alle Gruppen, so das aufgeklärte Autoritätsargument, bestünden doch aus »zwei Sorten von Menschen« – jenen, die etwas leisten und zu geben haben, und jenen, die das nicht erbringen. Das zu sehen, sei nur realistisch und kein Baustein von Armutsfeindlichkeit.

Ausblick Wege aus der
sozialen Degradierung von Leuten

Es gibt sicher nicht nur einen Weg aus der beschriebenen Argumentationsfalle. Eine gewisse Distanz zur Reproduktion von sozial degradierenden Kategorisierungen von Personen und Gruppen haben sich Forschungen erhalten, die sich nicht Personen und Gruppen als Forschungsgegenstand wählen, sondern sich für Handlungsstrategien interessieren, die durch die Leute selbst gebraucht werden, um Situationen und Episoden sozialer Ausschließung zu bearbeiten.

Studien zur individuellen Bearbeitung von Situationen sozialer Ausschließung (Jordan et al. 1992; Steinert/Pilgram 2003; Cremer-Schäfer 2005) und zum strategischen Gebrauch bzw. zur Nutzung von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen (Gebauer/Petschauer/Vobruba 2002; Cremer-Schäfer 2005) ist es gelungen, nicht nur ein Gegenbild zu den öffentlichen Diskursen über die »Alimentationsmentalität« der Wohlfahrtsempfänger zu zeichnen.

Auch die Vorstellung, dass die »Armutsfalle« der »Abhängigkeit von der Wohlfahrt« nur durch »workfare« oder einen »aktivierenden Sozialstaat« beseitigt werden könnte, erscheint als eine ziemlich unplausible Unterstellung. Jedenfalls angesichts der Arbeit, die geleistet werden muss, um für die individuelle Reproduktion in einer Lebensweise taugliche Ressourcen zu erlangen. Hervorzuheben sind darüber hinaus auch deren empirischen Befunde zum alltäglichen Kampf gegen soziale Ausschließung sowie die Nutzung des Sozialstaats – sowohl für »Sicherheit« wie auch zur Organisierung von Partizipation und begrenzten Befreiungen von Abhängigkeit – als eine Art Wohlfahrtspolitik »von unten«.

Dieser Forschungszugang knüpft in der begrifflichen Diskussion von Reproduktionsstrategien an die Perspektive der Geschichte »from below« (vgl. Thompson 1980) an, derzufolge Menschen ihre Geschichte und ihr Leben selbst machen, »wenn auch nicht aus frei gewählten Stücken«. Um die be- und verurteilende Typisierung und Aufspaltung von »Armen« zu vermeiden, geht dieser Ansatz (vgl. Steinert 2005) nicht mehr von »Armen« als einer identifizierbaren Gruppe aus, sondern fasst Armut als Extremsituation von gesellschaftlich verbreitet und oft episodenhaft erfahrenen Situationen ( gradueller ) sozialer Ausschließung.

Zudem legt er ein Verständnis von »Wohlfahrt« als allgemeine Infrastruktur zu Grunde, welche öffentliche und subkulturelle Ressourcen bereitstellt, die benötigt werden, um in der herrschenden Arbeits- und Lebensweise ein »eigenes Leben zu betreiben« ( Steinert ebd. ).

Ausgehend von den Praktiken der (Re-) Organisierung gesellschaftlicher Teilnahme und der Nutzung gesellschaftlich erzeugter Ressourcen für die individuelle, gleichwohl soziale Reproduktion haben die Forschungen zur Bearbeitung von Situationen sozialer Ausschließung einige allgemeine Erkenntnisse zum Kontext von Reproduktionsstrategien in Armutssituationen gewonnen. Dazu gehört vor allem, dass die Eigenständigkeit, auch in schwierigen Situationen das Leben in die eigene Hand zu nehmen, nicht nur im Interesse von Wohlfahrtsempfängern liegt, sondern auch zu deren Alltagsroutinen gehört. Nachdrücklich ist aus dieser Perspektive die Tendenz des Wohlfahrtssystems zu problematisieren, »nachhaltige« Bewältigungsstrategien, die über einfache Subsistenzsicherung hinausgehen, zu illegalisieren, z. B. indem sie als »strategische Nutzung« (sprich »Ausnutzung«) oder als ein sich-nicht-integrieren-lassen-wollen definiert werden.

Den Befunden der Studien zufolge geht die Wohlfahrtspolitik von unten (sprich die Nutzung sozialer Dienstleistungen) nicht von Überlegungen aus, dass man sie gemäß der »Leistungsgerechtigkeit« »verdient« habe. Vielmehr wird von der Wohlfahrtspolitik Reziprozität und das Prinzip der »Sorge« erwartet.

Beides: Jeder soll bekommen, was er oder sie braucht, um ein einigermaßen unabhängiges und eigenes Leben zu führen. Entsprechend diesem Anspruch an »Sicherheit und Wohlfahrt« werden die Konditionalität von wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen ( Lohnarbeitsbindung, Normalitätsanforderungen ), die Defizit-Orientierung sowie die degradierenden Kontrollen von den Betroffenen als zusätzliche Zumutungen und Schwierigkeiten erfahren.

Eine Stärke dieses Forschungszugangs liegt darin, Handlungsweisen, die routinemäßig zum Anlass für Statusdegradierung genommen werden (wie die »Anspruchshaltung«, die Untugenden der »Selbstausschließung« oder des »Sich-Einrichtens in der Sozialhilfeabhängigkeit«), als Formen von individueller (Reproduktions-) Arbeit verstehbar zu machen (vgl. dazu Bareis/Cremer-Schäfer 2008) – als ein erster Schritt, sie auch politikrelevant zu machen. Eine weitere, über Armutsethnographien hinausgehende Möglichkeit dieser Forschungsperspektive liegt darin, dass ausgehend von der Nutzung, der Nicht-Nutzung und den durch Forschungen generierten Erzählungen über die Schwierigkeiten mit dem Wohlfahrtsstaat Themen und Kriterien der Gesellschafts- und Staats-Kritik zur Sprache gebracht werden können.

Alternativen zur herrschenden Politik mit der Armut lassen sich kaum als »Blaupause« und gar nur »von oben« oder durch wohlmeinende Anwälte entwerfen, sie bedürfen der Kenntnis, an welchen Teilnahme-Formen und vor allem welchen Freiheiten zur »Nicht-Teilnahme« an Lohnarbeit und disziplinierter Lebensweise »von unten« ein Interesse gezeigt wird.

Die diskreditierende Rede von einer »Anspruchshaltung« gegenüber dem Wohlfahrtsstaat hat einen »wahren Kern«, der im Kontext von reflexiven Forschungsmethoden auch öffentlich und dadurch ganz normal gemacht werden kann. Die meisten Leute haben es nicht aufgegeben, nach den guten Diensten und materiellen Mitteln zu suchen, die ihnen »begrenzte Autonomiegewinne« ermöglichen, wie das Georg Vobruba (2003) formuliert hat.

In einer bereits häufiger dargestellten Studie über »Wohlfahrtspolitik von unten«, an der ich beteiligt war (vgl. Steinert/Pilgram 2003, Böhnisch / Cremer-Schäfer 2004) haben wir in Erfahrung gebracht, dass die Ermöglichung eines »weniger abhängigen Lebens« als das wichtigste Beurteilungskriterium von Dienstleistungen und materieller Sicherung angesehen wird.

Im Vergleich zu den Freiheitsideologien und der Selbstbestimmungs-Rhetorik nimmt sich diese Anspruchshaltung durchaus zurückhaltend aus, aber das ist meines Erachtens kein Grund, sie wissenschaftlich außer Acht zu lassen. Die Aufgabe besteht darin, sie als Kritik und verallgemeinbaren Anspruch zu übersetzen und dadurch ernst zu nehmen, dass diese Anspruchshaltung als vernünftig und notwendig rekonstruiert wird.

   
             
             
       

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